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finden und loslassen Betreuende Angehörige, Demenzkranke und ein Psychotherapeut im Gespräch

Geschichten zur Selbsterfahrung

von Peter Christian Endler (Autor:in)
192 Seiten

In Kürze verfügbar

Leseprobe

Vorwort

Hier begegnen uns Menschen …

Dies ist ein Buch über Entwicklungschancen. Fertiggestellt habe ich es während der Corona-Krise 2020. Das Thema ‚Nähe und Distanz‘ hatte plötzlich eine neue Dimension. Es war eine Zeit, in der ältere Menschen das Haus nicht verlassen sollten, Enkel ihre Großeltern nicht sehen, Kinder ihre Eltern im Altenheim nicht besuchen durften.

Gleichzeitig befand sich die Gesellschaft, die Wirtschaft im ,Lockdown‘ – als Tribut an Menschen mit besonderem Risiko, am Corona-Virus zu sterben, darunter vor allem Betagte. Eine neue Herzlichkeit zeigte sich gegenüber den Gefährdeten, gleichzeitig aber auch ein ethisch bedrohlicher Gedanke: ‚Könnte nicht das Virus viele Betreuungsprobleme lösen?‘. Die Furcht vor dem Sterben und die Angst vor dem Tod waren jedenfalls ins allgemeine Bewusstsein gerückt.

Zwei schmerzende Punkte zeigten sich also klarer als sonst: Die Todesangst, weil der Tod Bindungen zerreißt und weil er ins Ungewisse führt. Und der (versteckte) Todeswunsch, weil Beziehungen oft ambivalent sind. Beide Punkte sind und waren immer schon wichtige Anliegen in meiner Arbeit mit betreuenden und pflegenden Angehörigen. Beide Punkte verursachen weniger Schmerz, wenn sie reflektiert – bewusst gefühlt und bewusst geklärt – wurden. Von daher sind die Fallgeschichten dieses Buches zeitlos aktuell. Zu den Vignetten, die vor der ‚Corona-Zeit‘ entstanden sind, kommen in diesem Buch nun noch solche, die in dieser Zeit spielen. Gemeinsam ist in ihnen die Sorge, sich nicht ‚gut verabschieden‘ zu können – vom Weg zum guten Abschied, nämlich dem Aufräumen in der Beziehung, handelt dieses Buch; davon und von der Chance, die eigene Gegenwart besser zu nutzen und der eigenen Zukunft entspannter entgegensehen zu können.

Wann Menschen mittleren bis höheren Alters wieder entspannt im Sesselkreis einer analytischen Angehörigengruppe sitzen und aufeinander face-to-face Bezug nehmen können, ist heute schwer zu sagen. Jedenfalls werden ihre Anliegen denen früherer Töchter und Söhne, Partner und Partnerinnen ähnlich sein.

Es werden uns ‚ähnlich einzigartige‘ Menschen begegnen wie in diesem Buch über betreuende Angehörige und Betreute.

Teil I: Betreuende Angehörige begleiten

Männer und Frauen mit demenzkranken Ehepartnern, denen die Gruppe Raum gibt, zu trauern und ihre Strategien zu ordnen …

Eine blinde Frau, die ihre ‚nette demente‘ Mutter betreut, in einer Gruppe, die mit ‚schrecklichen nicht-dementen‘ Eltern hadert …

Betreuende Männer aus ganz verschiedenen Lebenswelten in einer ‚schwierigen‘ Gruppe, in der der Leiter viel lernt …

Eine Tochter, die sich in die Tiefen ihrer Geschichte und ihrer Träume begibt, um Verstrickungen mit dem Vater zu lösen …

Ein Sohn, einst ungewolltes Kind, der seine Mutter pflegt und sich um sein Leben betrogen fühlt …

Ein ‚eigenwilliger‘ Betreuter, der keinen Arzt sehen will und dessen Frau es ihm ermöglicht, daheim zu sterben …

Eine Hochbetagte, die in der Nachkriegszeit den Großvater des Therapeuten kannte und in der Gruppe einiges erzählt …

Das Tagebuch des Therapeuten zur Corona-Krise: Können wir eine unbefangene Solidarität von Jung und Alt wiedergewinnen?

Eine Gruppe im Corona-Lockdown, die sich mit ‚Chat‘-Nachrichten verständigt …

Eine Gruppe von LeserInnen über das Abschiednehmen im Besuchsverbot …

Eine Gruppe von pflegenden Angehörigen, die klären, was an ihren Bindungen so zermürbend ist …

Betreuende, die Versöhnung erleben und die entdecken, dass die Situation für sie selbst eine Chance ist …

Teil II: Betreute begleiten

Ein Betreuender und dessen demenzkranke Frau am Frühstückstisch mit einem Therapeutenpaar …

Ein Mensch mit Demenzdiagnose, der sein Sterben beschleunigen will, und dessen Therapeut sich fragt, was zu tun ist …

Ein leidensmüder alter Mann, dem seine Träume die Erlaubnis geben zu sterben …

Teil III: Demenz, Risiko, Vorbeugung und kognitive Reserve

KlientInnen und ExpertInnen, die über den Umgang mit Demenzkranken, über Phasen und Themen berichten …

ExpertInnen im Gespräch über Demenz: Bio-psycho-soziale Vorstellungen, Risikofaktoren und Vorbeugung …

Fachleute, die zusammenfassen, wie man als Betreuender für sich selbst sorgen und wie man eine ‚kognitive Reserve‘ aufbauen kann …

#

In diesem Buch begegnen uns Menschen, die betreuen und pflegen, und Menschen, die betreut und gepflegt werden. Sie hadern mit ihrem Schicksal, sie finden festen Boden unter den Füßen, sie verändern, was sie verändern können, und finden schrittweise ihren Frieden mit dem, was unvermeidlich ist. Sie blicken wieder in die Zukunft.

Die Geschichten zeigen auch einen Psychotherapeuten, der das, was sich in ihm selbst abspielt, als Wegweiser für die Beziehung mit diesen Menschen nutzt. Sie zeigen seine Sicht auf Abhängigkeit, Nähe und Distanz, Trauer, Verantwortung, Mitgefühl, Gegenwärtigkeit und die Freude an ‚kleinen Dingen des Alltags‘.

Diese Geschichten wollen aber nicht Psychotherapie vermitteln. Sie geben ihren LeserInnen auch keine Ratschläge. Vielmehr schildern sie Entwicklungen von Menschen in einem wertschätzend, förderlichen gemeinsamen Umfeld – als Beispiel, als Inspiration, als Orientierung. Oft wird aus einer mühevoll-verstrickten Betreuung eines Angehörigen eine entspannte Begleitung, auch, indem Aufgaben delegiert werden.

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Die Berichte im ersten Teil (‚Angehörige begleiten‘) und im zweiten Teil (‚Betreute begleiten‘) stammen aus meiner psychotherapeutischen Praxis, vor allem in einem gerontopsychiatrischen Zentrum. Sie sind soweit verfremdet, dass die genannten Klientinnen und Klienten nicht wiedererkannt werden. Wenn jemand seine Geschichte nicht in einem Buch wiederfinden wollte, hatte die Vertraulichkeit natürlich Vorrang. Die Personen und Gruppen, die ich in diesem Buch vorstelle, treffe ich üblicherweise in ein- bis zweiwöchigen Abständen 10- bis 20-mal (bevorzugt vor Ort, aber in der Corona-Krise auch online). Meine ‚analytische‘ Orientierung betrifft dabei das ‚Hier und Jetzt‘, das, was aktuell außerhalb und innerhalb der Gruppe vorgeht, aber auch das ‚Dort und Damals‘, also frühe Prägungen, die das jetzige Verhalten immer noch beeinflussen (und oft erschweren) können, und die Funktion aller Beteiligten sowohl als Spiegel für das Frühere als auch als reales Gegenüber in einer neuen Gegenwart.

Einige der Vignetten wurden zuvor an anderen Stellen als wissenschaftliche Artikel für Forschung und Lehre publiziert. Ich habe sie, mit dem Einverständnis der Erstquellen, von akademischen Zutaten und tiefenpsychologischer Theorie befreit und hier für eine praxisorientierte Leserschaft überarbeitet.

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Der dritte Teil des Buches (,Demenz‘) fasst Möglichkeiten und Strategien zusammen, mit kognitiver Einschränkung umzugehen, sowie ältere und neue Vorstellungen von Demenz. Ich verwende den Begriff ,Demenz‘ mit Vorbehalt, weil er, aus dem Lateinischen übersetzt, eigentlich ‚ohne Geist‘ bedeutet – was meiner Meinung nach auch für kognitiv schwer Erkrankte nicht zutrifft. Früher bezeichnete man Betroffene gemeinhin als ,vergesslich‘ und ‚verwirrt‘, das grenzte sie weniger aus.

Dieser Teil des Buches betrifft weiter Risikofaktoren, Selbstfürsorge und Vorbeugung. Hier wird auch das Konzept der ,kognitiven Reserve‘ erläutert.

Dank

Mein Dank gilt dem Gerontopsychiatrischen Zentrum (GPZ) Graz,1 an dem seit über zehn Jahren viele meiner Angehörigengruppen stattfinden; dem Interuniversitären Kolleg Seggau, wo meine wissenschaftlichen Arbeiten gedeihen;2 dem Facultas-Verlag für die gute Zusammenarbeit; meinen kollegialen und privaten Umgebungen, allen voran meiner vier-Generationen-Familie, mit der ich mich im steten ‚reality-check‘ austauschen kann.

Anmerkungen

1 Klug G, Hermann G, Fuchs-Nieder B (2013). Was braucht eine moderne Gerontopsychiatrie? Rahmenbedingungen für mobile sozialpsychiatrische Hilfe im Alter. Mabuse, Frankfurt am Main

2 Endler PC (2018). Der reflektierte tiefenpsychologische Fallbericht. facultas, Wien

TEIL I:

BETREUENDE ANGEHÖRIGE BEGLEITEN

Alte Bindungen wiederfinden
alte Bindungen loslassen können

1.

In guten wie in schlechten Zeiten

Belastete Partnerschaften

I

„Einmal hat mir mein Mann ins Lenkrad gegriffen und mich gegen die Autotür gedrückt – Rippenprellung, im Krankenhaus haben sie es angezeigt. Auch sonst, zu Hause, musste ich schon ein paarmal die Polizei holen – weil: Die Rettung kann ihn ja nicht mit Gewalt in die Klinik bringen.“

II

In der Gruppe, über die ich hier berichte, betreuen drei Personen eine Partnerin bzw. einen Partner; auf diese drei Personen fokussiere ich:

Joachim, 68 Jahre alt, in seiner beruflich aktiven Zeit Beamter mit Nebenjob in der Telefonseelsorge, seit 36 Jahren verheiratet, drei Töchter. Bei seiner Frau, die um drei Jahre jünger ist als Herr Joachim, wurde vor zwei Jahren eine Alzheimer-Demenz diagnostiziert.

Christine, 63, pensionierte AHS-Lehrerin, seit 22 Jahren in zweiter Ehe verheiratet, keine Kinder. Bei Frau Christines Mann, der um 11 Jahre älter ist als sie, wurde vor drei Jahren ebenfalls eine Demenz (vaskulär sowie Alzheimer) diagnostiziert.

Heidrun, 57, Beamtin, seit 32 Jahren verheiratet, eine Tochter. Bei Frau Heidruns Mann, der vier Jahre älter ist als sie, wurde vor einem Jahr eine Jakob-Kreuzfeld-Demenz festgestellt.

Weitere regelmäßige Teilnehmerinnen dieser Gruppe sind vier Frauen, die ihre Eltern bzw. einen Elternteil betreuen (über solche Konstellationen werde ich in späteren Kapiteln erzählen). Die TeilnehmerInnen spreche ich in den Sitzungen mit „Frau“ bzw. „Herr“ plus Vornamen an. Die Gruppe trifft sich in zweiwöchigen Abständen 16-mal.

III

Sitzung 1: „Wir sind nicht dazu da, das Leben unserer Eltern zu verlängern!“, meint Christine, nachdem andere ihre Miseren mit Vätern und Müttern geschildert haben.

Eine Teilnehmerin hat von ihrem alkoholkranken Vater berichtet: „Meint er die Flasche, die ich mitbringe, oder mich, wenn er sich freut, dass ich komme?“, eine andere von einem höchstbetagten Elternpaar: „Das Heim ist die einzige Lösung, wenn ich selbst überleben will“, eine andere von einer gebrechlichen, aber nicht kranken Mutter: „Irgendwann habe ich gesehen, dass ich mich mehr um meine eigenen Kinder kümmern muss, und für die Mutter eine 24-Stunden-Pflege organisiert“ und von einer beginnend dementen, immer schon dominanten Mutter: „Aber seit meine kleine Nichte auf der Welt ist, habe ich eine neue Aufgabe, das ist eine große Freude“.

Christine betreut ihren demenzkranken Mann: „Wir sind super organisiert“.

Joachim erzählt, dass er mit seiner demenzkranken Frau seit 35 Jahren beisammen ist: „Aber jetzt bin ich vor allem der Blitzableiter“.

Heidrun spricht von ‚emotionaler Distanz‘, die ihr der Hausarzt verordnet hat.

Mich interessiert, was die Anwesenden bewegt, ich ermuntere sie, Enttäuschung und Wut zuzulassen und zu benennen, und beachte, dass alle gut eingebunden sind. Dadurch, dass die TeilnehmerInnen sich – auch unter meiner sachten Leitung – aufeinander beziehen, einander wahrnehmen, ist die Stimmung in der Gruppe trotz der schwierigen Themen angenehm und stabil.

Heidrun meint, sie habe schon vom Vorgespräch mitgenommen, dass sie kein schlechtes Gewissen haben müsse, wenn sie sich Freiräume schafft, und erzählt von den Gewaltausbrüchen ihres Mannes: „Das war anfangs so. Mittlerweile ist die Krankheit fortgeschritten, er sitzt meist unbeteiligt da, hat an nichts Interesse – auch die Medikamente mögen da eine Rolle spielen“.

Joachim erzählt aus der Zeit, als die Krankheit bei seiner Frau noch nicht diagnostiziert war: „Erschreckend, wie sie alltägliche Dinge plötzlich nicht mehr konnte. Die Waschmaschine sei kaputt – dabei hatte sie sie nicht eingeschaltet. Wie ich ihr das gesagt hab, ist sie mich angefahren, dass ich sie dauernd kritisiere“. Er erlebt sich auch jetzt den Launen seiner Frau ausgesetzt.

Christine geht nicht auf die Zeit vor der Diagnose ein, sondern spricht von der Gegenwart: „Mein Mann hat eh schon genug mit seiner Krankheit und mit all dem, was er bemerkt, was er nicht mehr kann. Da würde ich ihn und mich nur aufregen, wenn ich ihn darauf hinweise“. Als ich nachfrage, sagt sie aber: „Ich wäre nicht mehr mit ihm zusammen, wenn er so merkwürdig geblieben wäre wie vor der Diagnose. Da hat er aus Mücken Elefanten gemacht“.

Sie erzählt, dass es ihm jetzt, vier Jahre nach der Diagnose, immer noch bewusst sei, wie es um ihn stehe; dass er froh über sie, seine Ehefrau, sei. Er sei ‚gut organisierbar‘; Regelmäßigkeit, Rhythmen seien im Zusammenleben wichtig, sowie das, was sie als ihre ‚selbstverständliche Art‘ beschreibt: „Das diskutiere ich doch nicht“, meint sie zu Entscheidungen, die sie für beide trifft. Sich die Zähne putzen könne ihr Mann mittlerweile nicht mehr, auch müsse sie ihm zeigen, wie man sich niederlegt: „Er würde mit dem Bauch voran ins Bett fallen“. Als er unlängst versuchte, den Tisch zu decken, habe er nicht gewusst, wie er das Besteck platzieren soll. Rechnen könne er überhaupt nicht mehr, in der Wohnung verwechsle er die Zimmer, könne sich aber gut an Tagesgeschehnisse erinnern und freut sich am Sonntag auf das Tageszentrum am Montag. Im Tageszentrum sei er zweimal pro Woche, dort ist er „als attraktiver und immer noch eloquenter Mann der ‚King‘ und genießt das auch“, zweimal pro Woche kommt eine Demenzbetreuerin: „Er ist glücklich, dass sie sich mit ihm beschäftigt – ältere Männer freuen sich, wenn eine junge Frau mit langen Haaren zu ihnen kommt. Heute spielen sie Schach“. In diesen Zeitfenstern hat Christine, die seit einem Jahr in Pension ist, frei: „Ich genieße meinen Ruhestand, niemand kann mir sagen, was ich zu tun habe“.

Sitzung 2: Heidrun erzählt, dass sie angespannt sei und sorgenvoll: „Ich komme zur Ruhe, wenn ich neben meinem Mann sitze und seine Hand halte“.

Joachim berichtet, dass eine ‚gute Woche‘ hinter ihm liege, dass er und seine Frau beide lockerer miteinander umgegangen sind.

Christine spricht von ihrem kleinen Hund: „Eine Freude für mich und meinen Mann“. Und dass sie sich mit ihrem Mann auf ‚gleicher Ebene‘ empfinde, im Einklang: „Ein nettes Zusammensein von zwei Menschen“.

Auf die zweite Sitzung, so stimmen einige der TeilnehmerInnen überein, hätten sie sich schon gefreut. Joachim allerdings habe sich gefragt, ‚ob er das braucht‘: „Den ganzen Hass bei mir zu bemerken …“; Christine meint: „Wenn ich die Geschichten der anderen hier so höre – wie einfach ich es doch habe“. Wirklich schwer sei für sie vor vier Jahren der Abschied von ihrer Mutter gewesen.

Gegen Ende der Stunde stelle ich die Frage: „Wie schwer würde Ihnen der Abschied von den Betreuten fallen, was wäre zuvor noch zu klären?“

Sitzung 3: Auch in dieser Sitzung vertiefen die TeilnehmerInnen ihre Bezogenheit untereinander.

Bei Joachim fällt mir auf, wie aufrecht, gefasst und doch gelöst er diesmal dasitzt.

Christine wirkt zufrieden und lässig. Es gehe um Ehrlichkeit, Klarheit, Entschiedenheit, sagt sie, die gemeinsame Frage: „Was wollen wir vom Leben?“, ist wichtig.

Joachim meint, mit so einer Frage könne seine Frau nichts mehr anfangen: „Sie weiß nicht mehr, wer sie ist, was sie will, was sie soll“ – und, so meint er: „Sie hat keine Wertschätzung für mich“. Für ihn sei die Frage einer Vorsorgevollmacht zu klären.

Heidrun erzählt, sie werde in handwerklichen Dingen immer selbstständiger: „Mein Mann war ein großer Bastler und ein Häuslbauer. Er hat alles gemacht. Jetzt interessiert ihn gar nichts mehr“.

Sitzung 4: „Ich nehme sozusagen schon Abschied von meinem Mann, kann jetzt besser abschalten, meinen Beruf brauche ich als Ausgleich“, sagt Heidrun.

Christine erzählt, sie sei jetzt viel mit ihrem Hund in der Natur.

Joachim berichtet melancholisch: „Ich mag nicht allein wandern, meine Frau geht mir ab …“. Mein Einfühlungsvermögen als jemand, dem es gegeben ist, mit jemandem zu wandern, scheint intakt, unversehens rinnt mir trotz Gruppenleiter-Zurückhaltung eine Träne über die Wange.

Sitzung 5: Joachim erzählt ausführlich, dass er sich seit der Diagnose vor zwei Jahren viel leichter tue mit seiner Frau.

Vorher hatte er ihre Wutausbrüche ‚wegen Lappalien‘ einfach nicht verstehen können. Es sei auch jetzt anstrengend, sagt er: „Wenn es gut geht und ich vergesse die Vorsicht, bin nicht auf der Hut, dann gibt es Krach. Ich muss ständig inneren Abstand halten“. Nach der Diagnose sei seine Frau deprimiert gewesen. Die erwachsene Tochter helfe ihnen sehr.

Christine wiederholt, sie hätte sich von ihrem Mann getrennt, wenn er so geblieben wäre wie vor der Diagnose. Ich nehme das Thema ‚Abstand‘ auf, und Heidrun fragt, ob ich darauf hinaus will, dass man auch in guten Zeiten Sicherheitsdistanz braucht. „Ich plane jetzt übrigens einen Urlaub allein“, sagt sie. Ihr Bruder wird sich derweil um ihren Mann kümmern. Warum ihr das nicht schon früher eingefallen sei …

Das Thema ‚Abstand‘ wird auch von den anderen Teilnehmer-Innen aufgenommen.

Sitzung 6: Heidrun meint, sie traue sich das jetzt zu sagen: „Ich war sehr unselbstständig neben meinem Mann, hatte auch früher schon den Gedanken, mich von ihm zu trennen, und fühle mich jetzt erst selbstständig, auf eigenen Beinen“. Scherzend meint sie, sie wundere sich doch, dass sie jetzt, wo sie das sagt, kein Blitz vom Himmel getroffen hat.

Ich meine, offenbar mache sie jetzt für sich etwas aus der beklemmenden Situation, ihr ‚Glas sei sozusagen halb voll statt halb leer‘, worauf Joachim einwirft: „Ich bin nicht für Schönfärberei“.

Christine berichtet, sie konnte immer selbstständig sein, ihr Mann habe das geschätzt, er habe „immer gelebt wie ein Junger, hat gearbeitet für zwei oder drei, wollte arbeiten, bis er stirbt“. Nach der Diagnose, erzählt sie der Gruppe, habe er dann von Selbstmord gesprochen und von Sterbehilfe, das sei eine schwierige Phase gewesen. Dass ihr Mann nicht unkompliziert war, wüsste ich, der Gruppenleiter, ja selbst, er sei nach seiner Diagnose vor vier Jahren für ein Jahr zu mir in Psychotherapie gekommen.

Sitzung 7: Als Joachim wieder traurig von ‚vergangenen schönen Zeiten‘ mit seiner Frau erzählt, bitte ich die anderen, sich an seine Stelle zu versetzen, ‚in seinen Schuhen zu gehen‘ und zu sagen, was ihnen einfällt. „Mein Mann war immer un-empathisch“ und „Jetzt, da die Kinder groß sind, wünsche ich mir wieder einen Partner“, lauten Einfälle aus der Gruppe. „Das Leid entsteht, wo ich das Alte nicht loslassen kann, wo ich daran festhalte. Jetzt ist etwas Neues dran“, sagt Christine.

Sitzungen 8/9/10: Christine erzählt, dass ihr Mann früher immer gesagt habe: „Jeder ist für seine Krankheiten selbst verantwortlich!“. Ich frage, ob sie das jetzt entlaste, beruhige. Sie sagt, es ärgere sie, dass er früher seinen hohen Blutdruck ignoriert hat (ein Teil seiner Demenz ist vaskulär bedingt).

Heidrun berichtet, dass ihr Mann in einer der vergangenen Nächte fortgegangen und blutig-aufgeschürft wiedergekommen sei. Früher habe er immer gesagt: „Ich komm schon heim“, das hat sie auch jetzt beruhigt. Sie sei dann, ganz gefasst, mit ihm ins Krankenhaus gefahren, erst dort ist sie selbst kollabiert.

Diese Wortmeldungen von Christine und Heidrun scheinen oberflächlich unverbunden nebeneinander zu stehen, in meinem Empfinden – und ich glaube auch im Gefühl der Gruppe – sind sie aber Teile eines gemeinsamen Puzzles. Und Joachim trägt bei: „Wenn alles ‚normal‘ zu sein scheint, plötzlich …“.

In der Folge sprechen die Anwesenden über verschiedene Ängste und Sorgen. Heidrun, Joachim und Christine beziehen sich einfühlsam auf die Probleme jener, die ihre Eltern betreuen. „Und wenn dazu noch die alten Familienmuster – Mutter und Tochter etwa – kommen …“, sagt Joachim. Allerdings sei es „bei Eltern sicher leichter, sich Freiräume zu schaffen“, meint Heidrun, es werde auch gesellschaftlich eher akzeptiert, hier etwas zu delegieren, als einen Ehepartner in Pflege zu geben. Dazu berichten dann andere TeilnehmerInnen, was ihnen in den Wochen, seit man einander in der Gruppe kennt, ‚gelungen‘ sei: „Ich lasse die Rettung kommen, statt meinen betrunkenen Vater heimzuschleppen“, „Während ich auf Kur war, musste mein Bruder sich um die Mutter kümmern, da hat er verstanden, was los ist. Wir haben jetzt eine 24-Stunden-Pflege organisiert“, „Schon als Kind hab ich mich bemüht, der Mutter alles recht zu machen. Das ist jetzt vorbei!“.

Sitzung 11: Eine der Teilnehmerinnen kommt strahlend in die Gruppe, sie erzählt sichtlich verlegen, am Parkplatz habe sie einen netten Mann getroffen und ‚einfach so‘ geplaudert. In dieser Sitzung werden Träume berichtet, und zwar drei Kindheitsträume: „Etwas Dichtes kommt unter dem Bett hervor und beginnt, das Zimmer auszufüllen“ (Heidrun), „Ich fliege“ (Joachim) und: „Ich werde verfolgt, aber ich entkomme, weil ich fliegen kann“ (eine weitere Teilnehmerin). Wieder – bei aller oberflächlichen Unverbundenheit dieser Erinnerungen – entsteht ein Gefühl der Anwesenden, ‚etwas miteinander zu tun zu haben‘.

Sitzung 12: In dieser Sitzung initiiere ich eine Art Feedback-Runde, die TeilnehmerInnen reflektieren, was sie bisher von der Gruppe ‚mitnehmen‘ konnten. Sie tauschen sich lebhaft darüber aus, dass es ihnen in mancher Hinsicht ‚wie Schuppen von den Augen gefallen sei‘. Währenddessen fallen mir plötzlich mehrere Situationen mit einem älteren Bekannten ein. „Ich hätte eigentlich längst merken müssen, dass dieser Mensch zunehmend irrational wird“, denke ich mir und wundere mich, dass ich diese erleichternde Einsicht erst jetzt habe.

In den Sitzungen 13/14/15 erzählen die ProtagonistInnen einiges über ihre Kindheit und die ihrer EhepartnerInnen.

Joachim: „Meine Frau hatte den Kontakt zu ihrer Mutter völlig abgebrochen, ihren Vater hat sie gehasst. Sie hat nie von ihrer Kindheit gesprochen.“ Er selbst habe eine behütete, wohl überbehütete Kindheit gehabt, mit vielen Tabus.

Heidrun: „Auch bei meinem Mann und mir war es so, dass er eine schwierige Kindheit hatte; ich aber konnte mich halt ‚immer so durchwursteln‘“ (lacht). „Er hat kaum was von früher erzählt.“ Christine: „Das war auch bei meinem Mann so. Er hat Teile seines Lebens vollkommen ausgeblendet. Als wenn es ihn nicht betrifft.“

Vielleicht, denke ich mir, ist ‚Bewusstmachen‘ doch ein schützender Faktor für eine gewisse ‚kognitive Reserve‘ (siehe Kapitel 22), auf die man im Notfall schwerer Krankheit zurückgreifen kann.

Sitzung 16: In der letzten Sitzung erzählen die TeilnehmerInnen einander vom Tod von Menschen, die ihnen nahestanden, davon, wie sie selbst mehr oder weniger vorbereitet gewesen seien, wie sie getrauert hätten. Ich frage (wieder einmal): „Können Sie beizeiten loslassen?“ Dies betrifft auch meine Beziehung zur Gruppe, für die dies die letzte Sitzung ist, und ich füge hinzu: „Hier ist ein Lebensabschnitt vorbei, wir dürfen jetzt gehen“.

IV

Während ich an diesem Buch schreibe, kontaktiere ich die ProtagonistInnen mit diesem Text und frage, ob sie ihre Privatsphäre (durch die Decknamen und andere Verfremdungen) hinreichend geschützt sehen. Alle sind einverstanden, dass der Text veröffentlicht wird, mit Einzelnen gibt es noch fruchtbare Nachgespräche.

Heidruns Mann und Joachims Frau sind mittlerweile verstorben, Christines Mann ist weiterhin persönlich gut orientiert, eine 24-Stunden-Hilfe erleichtert ihnen das Leben.

Anders als bei anderen Gruppen, die nach ein oder zwei Jahren zu einem ‚Nachtreffen‘ zu mir kamen, habe ich die TeilnehmerInnen dieser Gruppe nicht wieder gemeinsam erlebt. Allerdings habe ich gehört, dass manche von ihnen sich regelmäßig weiter treffen: Als offene Runde, die ich in schattigen Gastgärten oder gemütlichen Cafés vermute.

2.

Blind betreuend

Über nette demente und schreckliche nicht-demente Eltern

I

„Die können nicht anders, sie machen ‚Ordnung‘. Sie legen Dinge hierhin und dahin. Sie können sich nicht vorstellen, was das für eine Blinde bedeutet. Nach jedem Besuch musste ich endlos suchen …“ – Einer Haushaltshilfe gegenüber, die ihr die Betreuung der 88-jährigen Mutter erleichtern könnte, ist Frau Weber skeptisch.

II

Eine weitere Gruppe, von der ich hier berichte, besteht aus drei Frauen und einem Mann, alle in den Fünfzigern, die ihre Eltern, Elternteile bzw. in einem Fall eine Tante pflegen.

III

Mittwoch kurz vor 18 Uhr, kleiner Gruppenraum im Gerontopsychiatrischen Zentrum, Grünpflanzen in Töpfen, sechs Stühle, kein Tisch in der Mitte. Um diese Tageszeit hat die Belegschaft des Zentrums, SozialarbeiterInnen, Krankenschwestern, der leitende Mediziner Dr. M. und Ilse vom Sekretariat schon ausgecheckt, ich bin allein und erwarte ‚meine‘ Gruppe. Das ist das neunte Jahr, dass so eine ‚Jahresgruppe‘ ausgeschrieben ist, und es ist das erste Mal, dass ich mit meinen mittlerweile 60 Jahren der Älteste der Anwesenden sein werde. Mir geht durch den Kopf, dass meine eigene ‚Betreuungs-Biografie‘ in gutem Fahrwasser ist, mein Vater betagt gestorben, meine Mutter unkompliziert und froh, wenn ich ihr regelmäßig ein paar Stunden in Haus und Garten helfe – sie ist trotz hoher Pflegestufe autonom; meine Schwester macht für sie die Einkäufe.

Es klingelt, an der Sprechanlage meldet sich Frau Weber: „Nein, Sie brauchen nicht herunterzukommen, ich habe mir alles genau gemerkt“, sagt sie. Ich erwarte sie also erst an der Tür zur dritten Etage. Tastend geht sie, aber nicht unsicher, ihr weißer Stock sucht Hindernisse am Boden.

Um Punkt 18 Uhr sind alle im Gruppenraum. Frau Weber sitzt ein wenig in sich zusammengesunken, ohne Augenkontakt, den Stock hat sie gefaltet und weggesteckt, die Armbinden in die Jackentasche getan; sie ist (von Geburt an) blind. Ich vermute, dass andere hier meinen, sie sei ‚in der falschen Gruppe‘, sei jemand, der selbst betreut wird, und bin gespannt, wann man merken wird, dass sie ‚nur‘ blind ist. Dann frage ich mich, wie das für Frau Weber ist, hier zu sitzen und niemanden zu sehen, und schließe selbst kurz die Augen. Als ich sie wieder öffne, sehe ich: Die Gesichter in der Runde haben sich entspannt, man hat verstanden.

Ich wende mich an die Gruppe und biete eine überraschende Perspektive an: „Es mag ein bisserl schwierig sein, hier frei und offen zu sprechen, wo Sie einander ja noch gar nicht kennen. Andererseits: Sie können frei und offen sprechen, Sie kennen einander ja gar nicht“. Nachdem die Welt für’s Erste also ‚auf den Kopf gestellt ist‘, erzählen die Anwesenden, was – oder besser gesagt ‚wer‘ – sie in die Gruppe führt.

Frau Weber beginnt: „Seit zwei Jahren lebt meine Mutter bei mir, sie ist 88, dement, aber fröhlich. Wir genießen es, singen viel miteinander, spielen Spiele, beim ‚Schnapsen‘ sind die normalen Karten für mich mit Blindenzeichen beschriftet, meine Mutter sieht ja. Im Haushalt brauche ich halt für alles länger als jemand, der sehen kann. Vor einem Jahr hatte ich allerdings ein ziemliches Tief“.

Eine andere Teilnehmerin, Frau Thoma, berichtet von ihren Eltern: Der Vater ist im Heim, die Mutter lebt allein, das mit dem Heim sei die Art der Mutter gewesen, sich von ihrem Ehemann zu trennen. Jetzt sei sie allerdings eifersüchtig, weil der 90Jährige in der neuen Umgebung eine Freundin gefunden hat, mit der er spazieren geht.

Der männliche Teilnehmer, Herr Muhr, erzählt von seiner Tante, für die er ein System von Betreuung und Unterhaltung ausgeklügelt hat und koordiniert; trotzdem wünscht die alte Dame, eigentlich solle nur er sich um sie kümmern. Wenn dabei andere Frauen anwesend sind, habe sie Angst, dass diese ‚ihn ihr wegnehmen‘.

Die dritte Dame in der Runde, Frau Senker, schildert, wie ihre Mutter, die hundert Kilometer entfernt lebt, sie ‚am Gängelband‘ halte: „Da war ihr Suizidversuch, das hat enormen Druck aufgebaut, und seither muss ich immer erreichbar sein“. Hier wirft Frau Weber ein, dass der geografische Abstand dann wohl auch sein Gutes habe. „Aber wenn ich bei ihr bin, werde ich zu einer Fünfjährigen, schrecklich ist das“, sagt Frau Senker.

In dieser Gruppe wird übrigens besonders darauf geachtet, einander mit Namen anzusprechen, damit auch für jemanden, der Mimik und Gesten nicht verfolgen kann, klar wird, wer gerade gemeint ist. Ansonsten scheint mir nicht, dass wir anderen in der Gruppe Frau Weber in besonderer Weise ‚einbinden‘ müssten, nur weil sie uns nicht sieht.

Frau Thoma wendet sich jetzt an Frau Weber: Wie das mit dem ‚Tief‘ vor einem Jahr gewesen sei. „Meine Schwester – sie ist auch blind – hat sich von der Pflege zurückziehen müssen. Dann ist es für mich ziemlich dicht geworden. Damals hat eine der anderen Schwestern – die beiden sehenden – vorgeschlagen, die Mutter ins Heim zu geben. Das wollte ich nicht.“

Ich meine dazu, dass die Geschwister zwar eine andere Strategie vorgeschlagen hätten, aber immerhin nicht unsolidarisch gewesen seien. Herr Muhr nimmt das Stichwort ‚Strategie‘ auf, seine Firma habe ihn einmal auf ein ‚fünfzigtausend-Schilling-Wochenende‘ geschickt, eine interessante Gruppenerfahrung. Still für mich vergleiche ich diesen Preis damit, dass die Jahresgruppen hier kostenfrei ablaufen. Diese etwas sprunghafte Sequenz rundet Frau Weber ab, indem sie erzählt, sie sei in ihrem Alltag voll Dankbarkeit und das Tischgebet und Nachtgebet bilde für sie und ihre Mutter ein festes Ritual – eine gute Strategie.

In den kommenden Sitzungen geht es zunächst um Autorität, im Leben mit Dementen müsse man besondere Führungsstärke haben, meint Herr Muhr. Die dementen Elternteile – nämlich die Mutter von Frau Weber und der Vater von Frau Thoma – erscheinen freundlich und dankbar. Ganz im Gegensatz dazu werden die drei ‚nicht-dementen‘ Angehörigen geschildert: Die eifersüchtige Mutter, die erpresserische Mutter, die vereinnahmende Tante. „Wie könnt ihr so lustig sein, wenn es mir so schlecht geht“, ist eines der Statements, die illustrieren, wie es jemandem gelingt, etwa Familienfeste zu sabotieren. Wir sprechen über ‚Nähe und Distanz‘, darüber, dass manche Menschen Nähe fordern, diese dann aber doch nicht ertragen. Ob Frau Thomas Mutter vielleicht die Nähe gar nicht so gut tue?

Frau Weber rät Herrn Muhr, nicht einfach abzuwarten, bis seine Tante so abgebaut ist, dass sie ihn freiwillig loslässt: „Das kommt nicht. Besser, Sie organisieren sich jetzt Auszeiten“. Sie selber habe jetzt einige Tage in einem Blinden-Ferienheim verbracht. „Da muss ich niemanden hören und sehen“, sagt sie, ganz im Sprachgebrauch der Sehenden, „und für meine Mutter zu Hause hatte ich eine 24-Stunden-Hilfe organisiert“. Ein Tagesbetreuungszentrum zu besuchen, ist für ihre Mutter nicht möglich, denn sie kann kaum aus dem Haus: Ihr Herz ist schwach, die beiden leben im dritten Stock und es gibt keinen Lift. Einer Haushaltshilfe gegenüber ist Frau Weber (wie eingangs gezeigt) skeptisch.

Auch ich habe meine Vorstellungen zu Herrn Muhr. Ich weiß, dass er vor einigen Jahren eine anstrengende Scheidung erlebt hat, und frage ihn wie nebenbei: „Was würde geschehen, wenn Sie sich jetzt in eine gleichaltrige Frau verlieben?“ Er versteht den Bezug zur Tante und antwortet: „Ja, das versuche ich wohl zu vermeiden“.

Anderes berichtet Frau Senker, die eine Sitzung ‚gespritzt‘ hat, weil sie einen Bekannten auf Urlaub begleitete. „Ich hatte eine diebische Freude, mich davongestohlen zu haben, ‚losgeeist‘, von Ihnen, von der Gruppe – also der Mutter.“ Sie erzählt einen Traum, in dem ich eine Rolle spiele: „Sie standen da, groß, grau, der Papa halt, der einfordert. Wegsein ist schlimm. Und dann – schlich ich mich lachend davon“. Ich bin stolz auf Frau Senker, die sich von der Gruppe und von mir nicht einschüchtern lässt.

Beim nächsten Treffen der Gruppe spricht sie von einem neuerlichen Besuch bei der Mutter: „Sie war fies wie immer, vernichtend, kritisierend; und ich wieder die 13-Jährige …“. Erfreut weise ich sie darauf hin, dass sie bisher ‚die Fünfjährige‘ gewesen sei, jetzt aber bereits ‚13‘, immerhin ein Fortschritt. Und ich rege an, dass sie beim nächsten Besuch ‚sich selbst als 55Jährige‘ mitnehmen und neben sich auf der Küchenbank setzen solle – „mal sehen, was geschieht“.

Von Frau Weber hat die Gruppe mittlerweile erfahren, dass sie zwei (sehende) Kinder hat (die ihr soziales Netz verstärken), lange mit Taubblinden gearbeitet hatte und sich vorstellt, nach dem Tod ihrer Mutter Palliativbetreuungen zu übernehmen. En passant haben wir einiges über technische Lebenshilfen für Sehbehinderte gelernt, etwa, wie Frau Weber ihr Smartphone nutzt, E-Mails oder die Zeitung liest.

Herr Muhr gesteht die Phantasie, dass seine Tante ‚die Stiege hinunterfällt‘, was ihm Gefühle zeigt, von denen er noch wenig wusste.

Frau Thoma hat ihre Mutter nach einem Streit und einem töchterlichen „ruf mich an, wenn Du etwas brauchst“ sechs Wochen lang nicht gesehen – und als die Mutter dann anrief, sei ‚alles ganz normal und freundlich‘ gewesen. Die Idee, dass der Mutter die Nähe vielleicht gar nicht gut tue, habe etwas für sich, meint sie. Frau Thoma erzählt auch, wie sie für sich ein neues Ritual eingeführt hat: „Ich hab mir immer wieder vorgestellt, wie ich die Tür zur Wohnung meiner Mutter zumache“ – darauf habe sie ein heftiges Ekzem auf der Bauchhaut entwickelt, wozu ihr ‚Abnabelung‘ einfällt. Der Vater jedenfalls freue sich immer, wenn sie ihn im Heim besucht.

In der letzten Sitzung berichtet Frau Senker, wie überrascht die Mutter war, als sie, die Tochter ‚ihr neulich als 55-Jährige gegenübergetreten war‘. Weiter sprechen die Anwesenden über das Gefühl, im selben Boot zu sitzen, über ihr Vertrauen zueinander, das sie überrascht. Dies sei hier anders als in einer bloßen Gesprächsrunde, hier sei viel mehr Beziehung entstanden. „Ich mag Ihre Pointiertheit sehr“, sagt Frau Senker zu mir. Interessant, denke ich mir, ich habe in dieser Gruppe doch vor allem staunend zugehört …

IV

Einige Monate nach Ende der Gruppe erfahre ich von Frau Weber, sie habe jetzt eine 24-Stunden-Hilfe gefunden, die sich phasenweise um die Mutter kümmert. Über diese Frau sei sie froh, ihre Anwesenheit entlastet sie sehr, und wo die Dinge im Haushalt liegen, darüber ist man sich auch einig. Von Frau Thoma erfahre ich, ihr Vater sei verstorben. Herrn Muhrs Tante habe „mittlerweile Grund, eifersüchtig zu sein“. Ein Nachtreffen der Gruppe ist geplant.

3.

Drei Männer in der Gruppe

Es ist halt nicht alles so positiv …

I

„Meine Arschloch-Schwester, die habe ich jetzt abgeschrieben für die Betreuung der Eltern!“ – Herr Rainer ist frustriert und wütend.

II

Üblicherweise nehmen mehr Frauen als Männer an den Gruppen teil (wie es auch sonst überwiegend Frauen sind, die Angehörige pflegen), fallweise ausschließlich Frauen. Eine Gruppe, an der nur Männer teilgenommen hätten, gab es bisher in meiner Praxis nicht. In der Gruppe, von der ich hier berichte, sind jedoch drei Männer, auf die ich im Folgenden fokussiere.

Albrecht, 57 Jahre alt, Landwirt, geschieden, ein Kind, das nicht bei ihm lebt, ein Bruder, der sich nicht an der Betreuung beteiligt. Herr Albrecht hat einige Jahre seine Alzheimer-kranke Mutter gepflegt, ehe sie ins Altersheim übersiedelte, und besucht sie – und andere Bewohnerinnen des Altersheims – nun täglich. Er hängt sehr an ihr und „möchte, dass sie es schön hat“. Auf die Teilnahme an der Gruppe ist er durch eine einjährige Einzeltherapie vorbereitet, von der ich mit seiner Zustimmung im folgenden Kapitel erzähle, er freut sich darauf, an der Gruppe teilzunehmen und andere kennenzulernen, denen es, wie er sagt, „so geht wie mir“.

Rainer, 62, pensionierter Erzieher, ledig, keine Kinder, eine Schwester, die sich nicht an der Betreuung beteiligt. Herr Rainer ist vor zehn Jahren zu seinen zunehmend bedürftigen Eltern gezogen, der Vater ist vor drei Jahren gestorben, die Mutter „hatte nach zwei Wochen Weinen einen Schlaganfall“. Das empfindet er als paradox, früher hatte er „sie vor dem Vater beschützen müssen“. Er möchte lernen „die Mutter nicht öfter als einmal am Tag anzuschreien“, will verstehen „was sie absichtlich macht und was nicht“. Was er in der Gruppe nicht möchte, ist, „Leute erleben, die an den Lippen eines Leiters hängen“. Übrigens habe er schon frühere Gruppenleiter vom Thron geholt. Von ihm fühle ich mich – wenig professionell – persönlich herausgefordert.

Hans, 80, Pensionist, verheiratet, zwei Stieftöchter, ein Bruder. Herr Hans pflegt seine Frau, die langjährige Parkinsonpatientin mit fortgeschrittener Demenz ist, und wird dabei stundenweise von einer Helferin unterstützt. Er hat bereits an einer meiner früheren Gruppen teilgenommen. Seiner Frau weiß er sich verpflichtet, sie „hatten gute Zeiten miteinander“, er freut sich über kleine Signale, die ihm zeigen, dass sie noch ein wenig an der Umwelt und an seinem Tun teilnimmt, nimmt aber realistisch wahr, wie rasch sie verfällt. In der Gruppe, sagt er, möchte er sich vor allem mit anderen austauschen.

Eva, 60, Lehrerin, ledig, zwei Schwestern, von denen sich eine an der Betreuung beteiligt. Frau Eva versorgt, gemeinsam mit einer mobilen Hilfe, ihre dement werdende Mutter.

Irmin, 56, Beamtin, geschieden, zwei Töchter. Frau Irmin ist zuständig für die Betreuung der Eltern, einem cholerischen Vater und einer Mutter, ‚die ihm auch nichts schuldig bleibt‘.

Sonja, 48, Gesundheitsberaterin, verwitwet, Alleinerzieherin eines Sohnes, eine ältere Schwester (die ebenfalls an der Gruppe teilnimmt). Frau Sonja betreut, abwechselnd mit ihrer Schwester Josefa, die an den Wochentagen verfügbar ist, an den Wochenenden ihre verwitwete Mutter.

Josefa, 51, Hausfrau, verheiratet, zwei jugendliche Kinder, eine jüngere Schwester, die ebenfalls Teilnehmerin der Gruppe ist. Frau Josefa kümmert sich an den Wochentagen um die allein lebende Mutter.

III

Sitzung 1: Nachdem Albrecht die meisten anderen mit Händedruck begrüßt hat, beginnt die erste Sitzung der Gruppe, indem Rainer sich an Albrecht wendet und sagt: „Ich habe Dir nicht die Hand geschüttelt, aber ich habe keinem hier die Hand geschüttelt“. Hans fragt mich, ob noch jemand käme, den er aus der früheren Gruppe kenne.

Ich lehne mich zurück: Aus meiner tiefenpsychologischen Perspektive ist mir schon einiges auf- und eingefallen, das auf einen interessanten Start der Gruppe hindeutet. Ich biete diese Sicht den Anwesenden an – vielleicht zur Verwunderung mancher; aber neue, verwunderliche Aspekte zu sehen, ist, finde ich, jedenfalls eine gute Übung: „Es ist schon viel passiert in dieser Gruppe. Da will jemand anderen nicht zu nahe kommen (Rainer); jemand anderem wieder sind andere zu fern (Hans)“.

Ich positioniere mich also als jemand, der ‚versuchsweise‘ Unzusammenhängendes in einen neuen gemeinsamen Kontext stellt. Ob die TeilnehmerInnen dies als Anregung verstehen, auch ihrerseits Denkkonventionen beiseitezulassen und Ereignisse, Erinnerungen usw. einmal aus neuen Blickwinkeln zu betrachten? Oder ob sie den Leiter nur für ‚schrullig‘ halten?

Im Weiteren wird die Sitzung von den TeilnehmerInnen durchaus genutzt, man lässt sich tief ein. Ohne dass ich eingreife, erzählen einige Anwesende von ihrer Erziehung. Eva und Albrecht treffen einander in Schilderungen von Lieblosigkeit, Gewalt und Nazi-Ideologie ihrer Bezugspersonen; Irmin und Eva sind beide bei ihren Großmüttern aufgewachsen; Sonja und Josefa, die beiden Schwestern, sind sich einig, dass sie eine gute Kindheit hatten.

Hans und Rainer schweigen über ihre Kindheit, aber Hans erzählt betroffen: „Bei meiner Stieftochter ist mir nur einmal die Hand ausgerutscht, ich war nervlich am Ende“, und Albrecht meint trocken: „Ich hab meinen Buben nur zurückgeschlagen, wenn er mir ans Schienbein getreten hat“.

Über die jetzige Beziehung zu den betreuten Personen sprechen die TeilnehmerInnen zurückhaltend. Da die Stimmung in der Gruppe aggressiv ist, ja gewalttätig scheint, versuche ich auch nicht, mehr über die derzeitige Verbindung zu den Eltern zu erfahren; im Gegenteil sage ich der Gruppe, dass sie viel gearbeitet habe, bei sich selbst geblieben sei, die Angehörigen ein Stück weit draußen lassen konnte. Im Gegensatz zu anderen Gruppen hatte sich hier bisher keine konventionelle Vorstellungsrunde ergeben.

Sitzung 2 beginnt, indem Rainer spöttisch in die Runde fragt: „Ist Albrecht diesmal deshalb nicht da, weil ich ihm letztens nicht die Hand gegeben habe?“. Ob dies eine Entschuldigung oder ein Triumph ist, ist mir nicht eindeutig. Auch frage ich nicht, was ‚die Hand geben’ für Rainer bedeutet. Albrecht erscheint dann einige Minuten verspätet.

Die Sitzung wird im Weiteren durch Sachfragen und Pflegetipps ‚entschärft‘, die die TeilnehmerInnen untereinander austauschen. Sonja sagt, sie habe Hans beim vorigen Mal einen Tipp gegeben, aber er nehme ja gar nichts an. Hans, der ihre Kritik an ihm entweder nicht oder als Beziehungsangebot versteht, dankt ihr freundlich für die Tipps und sagt, dass es ihm in der Gruppe immer so gut tue, reden zu können. Sonja scheint die Ironie dieses Aneinander-vorbei-Redens zu bemerken, sagt aber nichts mehr. Albrecht meint: „Es ist halt nicht alles so positiv!“

Darauf schimpft Rainer über seine Schwester, die er jetzt für die Betreuung der Eltern abgeschrieben habe. Nachdem die aufgebaute Spannung sich in einem Kraftausdruck entladen hat, sage ich zu ihm, dass er hier in der Gruppe vielleicht auf kooperativere Schwestern treffen könne. Darauf er, er sei ja hier, weil er Probleme habe, und daher könne er den ganzen Teppich voll- (er ersetzt dann einen anderen gedachten Ausdruck, ich nehme an ‚vollkotzen‘ durch) „voll-weinen“.

Der bisherige Verlauf der Sitzung ist interessant, hat aber nach meinem Gefühl nicht zu befriedigenden Kontaktaufnahmen oder besonderem gegenseitigem Verständnis geführt. Ich thematisiere das nicht. Sonja reagiert auf die Situation in alltagskompetenter Weise, indem sie sagt, sie habe sich eigentlich eine Vorstellungsrunde gewünscht. Irmin geht darauf ein mit: „Sie müssen sich halt einbringen, wenn es nicht so läuft, wie Sie wollen, Sie können mitgestalten“, was ich für sehr konstruktiv halte; es kommt aber auch in dieser Sitzung nicht zu einer solchen Runde, man bleibt einander diesbezüglich fremd.

Nach Schluss der Gruppe, während die anderen TeilnehmerInnen den Raum verlassen und ich wie gewohnt auf meinem Sessel sitzen bleibe, tritt Rainer auf mich zu und reicht mir die Hand. Im Vergleich mit dem Beginn der ersten Sitzung verstehe ich dies als Beziehungsangebot an mich und die Gruppe, bleibe aber sitzen, während wir einander die Hände schütteln.

Zu Beginn der Sitzung 3 sitze ich nicht an meinem bisher gewohnten, sondern an einem anderen Platz im Sesselkreis. Dies führt dazu, dass die TeilnehmerInnen sich an starre Sitzordnungen ihrer Kindheitsfamilien und an autoritäre väterliche Ansprüche erinnern und davon erzählen. Rainer spricht von mir statt vom ‚Psychotherapeuten‘ als von einem ‚Psychoterroristen‘ und erzählt, dass er einen Vorgänger ‚in nur einer Stunde demoliert‘ habe – und hier sei er jetzt schon das dritte Mal. Im Rückblick sehe ich dies – wie das Händeschütteln letztens – als Beziehungsangebot. In der aktuellen Situation aber antworte ich in trockenem Ton: „Ich sehe es mit Rührung“, lasse ihn also, salopp gesagt, ‚auflaufen‘. Ich bedauere mein Bonmot erst, als andere TeilnehmerInnen auf seine Kosten zu lachen beginnen.

Ohne dass ich das Gefühl habe, wieder ganz in eine unparteiische Haltung zurückgefunden zu haben, beende ich die Sitzung (wie üblich) pünktlich nach 90 Minuten, was Rainer kommentiert mit: „Herr Endler wird ja bis hierher bezahlt“. Ich kommentiere dies nicht (etwa mit dem Hinweis, dass ich häufig ehrenamtlich arbeite). Hans wird mir später mitteilen, dass er ‚sich für Rainer schämen müsse‘.

In Sitzung 4 berichten TeilnehmerInnen von Träumen. Sonja erzählt, sie habe kurz nach Beginn der Gruppe von ihrem (und Josefas) Vater geträumt, das sei seit seinem Tod schon lange nicht der Fall gewesen; er sei gegangen oder gelaufen, sie habe ihn nur an seinem Namen erkannt. Rainer erzählt von einem älteren Traum, in dem er tot ist und ihm die Haare abgeschnitten werden. Albrecht meint, im Traum sei er meistens der Dumme, habe etwas falsch gemacht. Irmin spricht von Kindheitsträumen vom Fliegen, Eva, dass sie auch jetzt manchmal vom Fliegen träumt, total frei ist. Mir fällt auf, dass die Traumthemen ineinandergreifen (Tod – Beschnitten-/Kastriertsein – der Dumme sein; Fliegen – frei sein). Hans trägt keinen Traum bei.

Ich versuche, die GruppenteilnehmerInnen über die Träume wechselseitig in mehr Kontakt zu bringen. Dies fruchtet nicht und ich nehme an, die Themen waren zu ‚heiß‘, zu stark mit Aggression besetzt und die Gruppe hatte sich bisher zu wenig in Sicherheit fühlen können.

Im Folgenden sprechen die Anwesenden über Träumen im Allgemeinen, Erinnern, Aufschreiben oder nicht. Die Stimmung ist freundlich, Irmin meint abschließend, sie wolle heute gar nicht weggehen … In dieser Sitzung ist es zu keiner weiteren Kraftprobe zwischen Rainer und mir (oder einem der männlichen Gruppenteilnehmer) gekommen.

In Sitzung 5 geht es vor allem darum, ob die eigenen Bemühungen in der Betreuung anerkannt werden oder nicht. Albrecht ist es genug, dass seine Mutter „so zufrieden ist“; dies ruft allgemeine Sympathie hervor. Rainer beschwert sich ausführlich, dass seine Mutter seinem ‚Programm‘, das sich vor allem auf Ernährungsvorschriften, Hygiene und geregelten Fernsehkonsum bezieht, nicht folgen will; dies wird mit Befremden aufgenommen. Hans erzählt, von seiner Frau bekomme er jetzt eigentlich kaum mehr Resonanz, „Es kommt praktisch nichts mehr zurück“; darauf reagiert die Gruppe mit Teilnahme und Mitleid.

Schließlich wird das Thema ‚Gesundheitssystem‘ aufgenommen, diesem könne man oft nicht recht trauen. In diesem Gespräch nennt Albrecht Herrn Rainer in vordergründig scherzhaftem Ton einen Querulanten, worauf dieser verstummt.

In dieser Sitzung reflektiere ich, wer noch etwas von seinen Angehörigen ‚bekommen‘ will, was er oder sie aber nicht erhalten kann; was die Einzelnen bekommen haben, was nicht; warum Einzelne noch immer darum kämpfen.

In Sitzung 6 berichtet Irmin, ihr Vater habe sie gebeten, ihn ‚gehen zu lassen‘, d.h. eine lebensverlängernde Maßnahme abzusetzen. Rainer meint, wenn seine Mutter eines Tages ins Heim komme, kann er die Verantwortung ganz und gar abgeben, das wäre für ihn ‚gehen lassen‘. Albrecht sagt dazu, seit seine Mutter im Heim sei, ist das der ‚Zieleinlauf‘. Es gehe ihm darum, es noch schön zu haben miteinander. Hans erzählt von früheren Jahren, als seine Frau ihn noch erkannt, ihm beim Füttern und Wickeln noch Zeichen gegeben hatte.

Hier gibt es also recht verschiedene Perspektiven, was ‚gehen‘ bedeuten kann. Die Stimmung ist intensiv. Zum Abschluss der Sitzung sagt Sonja, dass es ihr diesmal ‚sehr gut gefallen‘ habe.

Zu Sitzung 7 erscheinen Eva, Rainer und Hans nicht. Telefongespräche im Anschluss ergeben: Eva sagt, sie halte Rainer in der Gruppe nicht mehr aus, sie komme nicht mehr. Positiv gesagt hat sie es geschafft, aus einer für sie unersprießlichen Situation auszusteigen, sie muss ‚nicht alles ertragen‘. Trotzdem frage ich mich, was ich hätte tun können, um sie besser zu schützen.

Rainer komme nicht mehr, weil er meint: „In der Gruppe ist ja alles ein bisserl fad“. Hier vermute ich, dass sich jemand selbst im Weg steht, mehr über sich und den Umgang mit anderen zu erfahren. Ich meine aber auch, dass ich mit mehr innerem Abstand ‚passender‘ auf ihn hätte reagieren können.

Hans, der weiterhin seine Frau pflegt, erzählt sehr bewegt, die Gruppe brauche er nicht mehr: „Ich habe trotz meiner 80 Jahre noch eine Freundin gefunden. Es ist wie im Märchen“. Ich gönne ihm die neue Entwicklung von Herzen.

In Sitzung 7 besteht die Gruppe also aus Frau Irmin, Frau Sonja, Frau Josefa, Herrn Albrecht und mir. Von der Konstellation her (einige Frauen, ein Mann) ist dies eine Gruppe, wie ich sie öfter erlebe. Ich weiß, dass die weitere Arbeit fruchtbar sein wird; und so ist es in den folgenden Sitzungen auch.

Zur letzten – der zehnten – Sitzung bringen alle (!) diese TeilnehmerInnen Kuchen mit; ich deute: „Um die Gruppe und uns gegen-seitig noch ein wenig zu nähren“.

IV

In dieser Gruppe habe ich besonders viel über ‚Männer‘, einschließlich mich selbst, gelernt.

4.

Zwischen Abhängigkeit und Pflicht

Ein guter Sohn

I

„Meine Mutter“, erzählt Herr Albrecht, „hatte mehrere Abtreibungen, mit der Stricknadel, wie man das damals bei armen Leuten halt so gemacht hat. Bei meinem Bruder und mir ist es ihr aber nicht gelungen“.

Er beschreibt die Mutter als überfordert, dem Vater ausgeliefert. Die beiden Buben gehen dazwischen, wenn er die Mutter schlägt.

Mittlerweile ist die Mutter eine betagte Alzheimer-Patientin und seit zwei Jahren pflegebedürftig. Herr Albrecht hängt sehr an ihr, ist ein ‚guter Sohn‘. In einer der Sitzungen mit mir bricht es jedoch aus ihm heraus: Dass er es nicht mehr aushält, so nahe bei seiner Mutter zu sein.

II

Herr Albrecht, 56 Jahre alt, erscheint zu Beginn der Therapie mit eingefallener Haltung und mühsamem Gang. Er ist in seiner kleinen Landwirtschaft tätig, die aber eher Investitionen fordert als dass sie Gewinn einbringt. Er ist unverheiratet, aus einer früheren Beziehung stammt ein Sohn, mit dem er kaum Kontakt hat. Herrn Albrechts Mutter lebt in einer Stadtwohnung. Zeitweise fährt er täglich zu ihr, zeitweise wohnt er bei ihr, wobei er dann täglich zur Landwirtschaft pendeln muss.

Er scheint mir depressiv, verbittert mit dem Gefühl, im Leben zu kurz gekommen zu sein. Mein Anliegen ist es, ihn zu unterstützen, die Abhängigkeit zu lösen, sein Leben zu erleichtern, und doch die Beziehung zur Mutter aufrecht zu erhalten.

Als Ziel der Therapie wünscht Herr Albrecht sich, „dass es im Alltag besser geht mit dem, was so zu tun ist“.

III

Ich treffe Herrn Albrecht ein Jahr lang in unregelmäßigen Abständen jeweils eine Stunde. An dieser Stelle möchte ich einmal meine Arbeitshaltung beschreiben: Ich baue eine Beziehung auf, damit wir daran arbeiten können, dass er mit der Pflegesituation gut zurechtkommt. Herr Albrecht sollte diese Lebensphase nutzen können, sich an der Schwelle zum eigenen Alter mit eigenen Belastungen und Zwiespältigkeiten auseinanderzusetzen und Ressourcen zu aktivieren. Wichtig für mich ist es, zugewandt und aufmerksam zu sein und nicht zu bewerten. Fallweise frage ich nach oder verstärke Aspekte, die er geäußert hat. Eigene Meinungen und ‚kluge Einfälle‘ zu dem, was er sagt, entwickle ich zwar für mich, spreche aber meist nicht darüber. Meine eigenen inneren Reaktionen nehme ich so gut wie möglich wahr; ich verstehe sie als eine Art Kompass für meinen Weg als Therapeut.

Herr Albrecht beginnt die erste Stunde mit der Bemerkung: „In meinem Leben ist nichts so geworden, wie ich es mir gewünscht habe“: Partnerschaft, Familie, Gesundheit, Brotberuf …, worauf ich ihn frage, was er sich am meisten wünsche; darauf er: „Ein bisserl mehr selbstbestimmt sein“.

Die ersten Stunden, in denen wir einander treffen, verlaufen streckenweise mit Wiederholungen, indem Herr Albrecht lange Ausführungen über ‚die Frauen‘ oder ‚die Pfaffen‘ hält. Als er sagt: „Ich bin so froh, reden zu können“, meine ich zu verstehen, dass er hier wohl indirekt auch über seine Mutter und seinen Vater klagt.

Herr Albrecht erzählt also von seiner Mutter und den Abtreibungen, ihrer Überforderung, dem gewalttätigen Vater. Geld sei nie dagewesen: „Aber komisch, geraucht haben sie beide“.

Die Szenerie der Kindheit ist teilweise (auch) deswegen morbide, weil die Familie im Pförtnerhaus eines Friedhofes lebte.

In der Folge sind es weiter die belastenden Themen, die er in den Stunden oftmals wiederholt. Meine Einfälle dazu sind, dass Herr Albrecht sozusagen auslotet, ob es – in meiner Person – jemanden gibt, der ihn nicht loswerden (abtreiben) will, der nicht überfordert ist, dessen Launen er nicht ausgeliefert ist, der mit ihm eine Situation teilt, die nicht morbide ist.

Meine Haltung scheint ihn zu ermutigen, sich auch emotional auf seine Erinnerungen aus der Kindheit einzulassen und Hilflosigkeit, Schrecken, Trauer zu fühlen.

Von der aktuellen Situation berichtet Herr Albrecht immer wieder. Dass er an seiner Mutter hängt und seine Pflichten erfüllen will, wurde schon erwähnt. Sein Zugang ist pragmatisch: „Als Landwirt fragt man auch nicht, ob man das Vieh jetzt füttern mag“.

Dass er sein Pflichtgefühl immer wieder betont, lässt mich allerdings auch daran denken, dass er vielleicht Zwiespältigkeit abwehrt. Ich verbleibe aber in meiner Funktion des Aufnehmens, Zuhörens, interessierten Abwartens.

Im fünften Monat der gemeinsamen Arbeit verstärkt sich die Klage, dass er wegen der zwei Wohnsitze (in der Landwirtschaft, wo er die Tiere versorgen und bei der Mutter, die er pflegen muss) mit seiner Zeit, seiner Arbeitskraft, seinen finanziellen Mitteln und gesundheitlich nicht zurechtkomme.

Sein Bruder beteilige sich überhaupt nicht, habe ein schlechtes Verhältnis zur Mutter. Eine Pflegehilfe komme nicht in Frage. Ich verlasse hier die Position des zurückhaltenden Abwartens und zeige mich besorgt über seine Lage, einerseits, um die Spannung für ihn zu mildern, andererseits, um zu signalisieren, dass mir die Situation ernst scheint und auch aus meiner Sicht etwas geschehen sollte. Zudem frage ich, ob nicht auch der Bruder Pflichten habe.

In der folgenden Sitzung teilt Herr Albrecht sehr impulsiv mit, er halte es nicht mehr aus, so nahe bei seiner Mutter zu sein. Ich verstärke, was er gesagt hat, indem ich es wie beiläufig wiederhole. In mir taucht der Einfall auf, in dieser fast inzestuösen Konstellation könnten beide Teile unbewusst versuchen, das Grauen der versuchten Abtreibungen rückgängig zu machen. Dieser Weg erscheint zwar nicht zielführend, dennoch vermute ich, dass beide Seiten sich aus-söhnen wollen. Da Herr Albrecht sich strikt weigert, fremde Pflegehilfe anzunehmen oder den Bruder einzubeziehen (und so das Nähe-Distanz-Verhältnis zwischen sich und seiner Mutter neu zu regeln), sehe ich zu diesem Zeitpunkt allerdings nicht, wie diese Aussöhnung zu erreichen wäre.

In weiteren Sitzungen zeigt sich, dass die belastende Situation sich zuspitzt. Herr Albrecht sagt z.B.: „Es is mir zuviel, i dermog’s net“.

In einer Sitzung im sechsten Monat lässt mich Herr Albrecht wissen, dass ihm eine Niere entfernt werden müsse, also eine schwere Operation bevorsteht. Während er im Krankenhaus ist, würde seine Mutter in ein Übergangsheim kommen. Diese Möglichkeit scheint ihn zu erleichtern, obwohl er sich auch sehr besorgt zeigt, ob es der Mutter dort gut gehen wird: „Sie ist ja verwirrt, menschenscheu und wird sich nicht zurechtfinden“.

Sorgen über sich selbst äußert er nicht. Ich beruhige ihn wegen des Heimes und wünsche ihm alles Gute für seine Operation. Wir vereinbaren einen nächsten Termin nach seiner Genesung. Meine Phantasie, dass seine Krankheit einen notwendigen Schritt zur Lösung des Abhängigkeitsproblems eingeleitet haben könnte, teile ich Herrn Albrecht nicht mit.

Zur Sitzung, die nach seiner Krankheitspause folgt, erscheint Herr Albrecht nicht mehr mit hängenden Schultern, sondern auffallend aufrecht. Dies hat er in allen weiteren Sitzungen und auch bei späteren Zusammentreffen beibehalten.

Seine Operation sei gut verlaufen (mir fällt erfreut auf, dass er hier zuerst von sich selbst spricht) und seine Mutter sei in der fremden Umgebung erstaunlich zufrieden. Sie sei sogar leutselig und die anderen HeimbewohnerInnen freuten sich, dass sie mit ihnen spricht: „Sie haben ja sonst keine Ansprache, traurig ist das dort“.

Während er also mit der neu geregelten Situation gut zurechtkommt, taucht wieder sein früherer Hang zu Tiraden auf, diesmal auf ‚das Heim‘, ‚die Heimleitung‘, ‚das Personal, das für nichts Zeit hat‘.

Ich lenke seine Aufmerksamkeit auf Details, die er in früheren Sitzungen aus seiner Kindheit erzählt hatte, wobei sich Bilder vom ‚Friedhof‘, dem Arbeitsplatz seiner Eltern, und dem Altenheim zu überlagern scheinen. Seine Mutter würde in diesem (Übergangs-)Heim ‚verrecken‘, und er werde einen ‚ordentlichen‘ Heimplatz für sie suchen. Die Möglichkeit, die Mutter wieder zurück in ihre Wohnung zu holen, wird weder von Herrn Albrecht noch von mir erwähnt.

Durch das Pflegegeld und dadurch, dass der Bruder jetzt einen finanziellen Anteil übernimmt und die Zinswohnung aufgelassen wird – Herr Albrecht hat ja seine Landwirtschaft – lässt sich ein anscheinend geeigneter Heimplatz finden. In diesem ländlichen Altenheim ist Herr Albrecht ein gern gesehener Besucher, der sich um seine Mutter, ihre dortigen neuen Bekannten und um weitere Heimbewohnerinnen kümmert: „Die haben ja sonst niemanden“.

Das soziale Netz der beiden hat sich deutlich erweitert und verdichtet.

Erst jetzt gestattet er sich ‚zu leben‘ – übrigens nicht nur zu seiner Freude, sondern auch zur Freude seiner Mutter und der weiteren Umgebung.

Seitdem seine Mutter im Altersheim untergebracht war, begann ein regelmäßiger Kontakt zwischen Herrn Albrecht und seinem Sohn. Insgesamt stärkte die neue, wenn auch nicht ganz frustrationsfreie Beziehung zu seinem Sohn Herrn Albrechts Beschäftigung mit der Zukunft.

Nach einem Jahr endet die vorgesehene Zeit der Einzeltherapie. Hatte Herr Albrecht zu Beginn nur gesagt, er sei „so froh, reden zu können“, so ergänzt er jetzt: „Man sieht manches klarer“.

Autor

  • Peter Christian Endler (Autor:in)

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Titel: finden und loslassen Betreuende Angehörige, Demenzkranke und ein Psychotherapeut im Gespräch