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Verhaltenstherapie

von Erwin Parfy (Autor:in)
150 Seiten
Reihe: Praxis Psychotherapie, Band 3

In Kürze verfügbar

Zusammenfassung

Die Reihe „Praxis Psychotherapie“ beleuchtet die in Österreich anerkannten psychotherapeutischen Methoden und zeigt kompakt und verständlich fundiertes Basiswissen, neueste Entwicklungen und die Anwendung in der Praxis auf.
Band 3 rückt die Verhaltenstherapie in den Fokus, welche in den letzten Jahrzehnten mit mehreren neuen Behandlungsansätzen aufhorchen ließ. Im Verständnis des Autors vermittelt das verhaltenstherapeutische Beziehungsangebot zwischen den individuellen Bedürfnissen der Hilfesuchenden und den möglichen Veränderungsperspektiven in einer höchst individuellen Weise. Der Therapieprozess wird hier als ein von Moment zu Moment stets aufs Neue gemeinsam zu erarbeitender Konsens gesehen, der psychische Flexibilität fördert und die Bereitschaft zu neuen Erfahrungen weckt. Nicht zuletzt ermöglicht die Reflexion persönlicher Werte eine Orientierung in Richtung einer von den emotionalen Verstrickungen der Vergangenheit befreiten und somit bewusster gestalteten eigenen Zukunft.

Leseprobe

1Einführung

Wenn wir uns zuvorderst fragen, was in der verhaltenstherapeutischen Praxis von zentraler Bedeutung ist, dann sind für mich persönlich weniger die geschichtlich gewachsenen Behandlungskonzepte an erster Stelle zu nennen, sondern die therapeutische Grundhaltung einer konstant achtsamen Präsenz, die der praktischen Umsetzung ebenjener Konzepte vorauszusetzen ist. Diese therapeutische Grundhaltung besteht in der konzentrierten Anerkennung dessen, was unmittelbar vonseiten der Hilfesuchenden ausgedrückt wird, sowie in der präzisen Reaktion und unterstützenden Bezugnahme darauf. Und um hinreichend präzise reagieren und unterstützen zu können, ist wiederum das erwähnte weit gefächerte und in zahlreiche Behandlungskonzepte gegossene Erfahrungswissen nötig, welches im Hintergrund permanent mitwirkt und das konkrete verhaltenstherapeutische Handeln von Moment zu Moment beeinflusst.

Seit über hundert Jahren und in wiederholten Wellen der Erneuerung haben sich jene verhaltenstherapeutischen Behandlungskonzepte ausgebildet. Sie orientieren sich gerne an den Einsichten der Grundlagenforschung der verschiedensten wissenschaftlichen Disziplinen und haben sich in der Regel einer systematischen Auswertung ihrer Praxistauglichkeit gestellt. Um vorab eine erste Vorstellung von der Bandbreite dieser Ansätze zu vermitteln, vielleicht einige Beispiele dazu.

So kann entsprechend der jeweiligen Rahmenbedingungen die Umsetzung eines Behandlungskonzeptes mal mehr systematisiert oder mal mehr individualisiert erfolgen. In Krankenhäusern und Reha-Kliniken wird etwa gerne in Gruppen und mit themenspezifisch vorstrukturierten Schwerpunkten in eher kürzerem Zeitrahmen verhaltenstherapeutisch gearbeitet, in der Nachbetreuung und in der freien Praxis der niedergelassenen Psychotherapeut*innen hingegen vorwiegend im Einzelsetting, in einer freieren Annäherung an die vorgebrachten Schwierigkeiten und über deutlich längere Zeitspannen hinweg.

Neben diesen rein äußerlichen Unterschieden gibt es auch inhaltlich ganz verschiedene Kristallisationspunkte für Veränderungsprozesse. Mal scheint die intensive Auseinandersetzung mit der eigenen Biografie einen besseren Zugang zu relevanten Gefühlen zu ermöglichen, mal verspricht die Einübung konkreter Fertigkeiten eine adäquatere Bewältigung emotional aufgeladener zwischenmenschlicher Situationen, mal wird der therapeutische Fokus auf die Neigung zu gedanklichen Schlussfolgerungen mit fataler Wirkung gelegt. Und das alles kann aufeinander folgen oder eng miteinander verwoben stattfinden, oder aber nichts von all dem wird als vordergründig hilfreich eingeschätzt. Dann beginnt eine gemeinsame Suche, bis einer der vielen anderen verhaltenstherapeutischen Ansatzpunkte für genau diesen Moment in genau dieser therapeutischen Konstellation passend erscheint.

Die Verhaltenstherapie zeigt sich also bei näherer Betrachtung rasch als äußerst vielgestaltig und als im Laufe ihrer Geschichte sehr dynamisch gewachsen, mit zahlreichen, teils nicht immer ganz aufeinander abgestimmten Parallelentwicklungen. Die vorzufindenden Ansätze weisen einerseits immer wiederkehrende Grundprinzipien auf und sind meist in einer auf die Behandlungszwecke konzentrierten sachlich-wissenschaftlichen Sprache beschrieben, andererseits ermöglichen sie eine Adaption mit hohen Freiheitsgraden und erlauben somit sehr individuelle Umsetzungen von ursprünglichen Behandlungsentwürfen.

Verhaltenstherapeut*innen in den unterschiedlichsten Ländern rund um den Erdball haben offensichtlich ihre persönlichen Praxiserfahrungen als Herausforderung gesehen und die von ihnen vorgefundenen Behandlungsvorstellungen aus- und umgebaut, ja oft auch gänzlich neue und unerwartete Sichtweisen eingebracht und empirisch erprobt. Der daraus resultierenden bunten Theorienlandschaft sieht man durchaus an, dass hier mit dem steten Nachschärfen der bisherigen Gepflogenheiten gerungen wurde (und wird), und man ahnt, dass es den Pionier*innen des Faches sehr ernst damit ist, dem Leben mit all seinen Fallstricken in immer neuen Annäherungen gerecht zu werden. Sie trachten offensichtlich danach, ihre Hilfestellung mit vorbehaltlos geklärtem Blick entsprechend ihren Einsichten weiter zu präzisieren.

Dieser Zugang verlangt freilich nach mutigen Therapeut*innen mit integrativen Fähigkeiten, welche die im Leben wie auch in Therapien unvermeidlich auftauchenden Ungewissheiten überbrücken können und dabei flexibel auf eine große Bandbreite von Sichtweisen und Strategien zurückgreifen. Und er verlangt nach Persönlichkeiten, die sich nicht zwanghaft an einem vermeintlich einzig richtigen Konzept anhalten wollen, sondern bereit sind, „maßgeschneiderte“ Antworten auf individuelle Anforderungen zu finden. Eine treffsichere Intuition und damit verbundene Entscheidungssicherheit bezüglich einer möglichst stimmigen Sichtweise der vorliegenden Problematik ist gefragt, gangbare therapeutische Wege lassen sich dann meist unmittelbar davon ableiten. Eine fundierte Vertrautheit mit den menschlichen Schwierigkeiten, gepaart mit Einfühlungsvermögen und Mitgefühl wird hier zum Schlüssel für eine gelingende Passung und die daraus resultierende Ermutigung zu einer neuen Lebensperspektive.

Wie nun einsteigen in eine detaillierte Darstellung dessen, was die Verhaltenstherapie ausmacht? Vielleicht bei der Schilderung des Anfanges einer jeden psychotherapeutischen Beziehung, also in der Situation des Erstgespräches und darüber hinaus.

1.1Die Phase des Kennenlernens

Wenn sich jemand auf die Suche nach psychotherapeutischer Hilfe macht, hat er meist schon viel durchlitten. Schmerzliche, verunsichernde Gefühle, zweifelnde, anklagende oder fordernde Gedanken, körperliche Beschwerden, Impulsdurchbrüche oder Verhaltensexzesse, Beziehungskrisen oder Zuspitzungen am Arbeitsplatz – eine leicht fortsetzbare Aufzählung menschlichen Erlebens, das mehr oder weniger qualvoll darauf drängt, persönliche Veränderung zu wünschen und sich dafür auch einzusetzen, was immer das dann auch konkret bedeuten könnte.

Hinweise und Empfehlungen von Freund*innen und Bekannten, es doch mal mit Psychotherapie zu probieren, können da folgen. Auch wertvolle Fingerzeige aus der Lektüre von Selbsthilfeliteratur sind vielleicht im Hinterkopf. Eine Suchmaschine im Internet ist rasch gefunden, erst bloß aus neugierigem Interesse, wer denn da so verfügbar wäre, und nach längerem Herumklicken lässt schließlich ein Bild eines*einer professionellen Helfers*in mit ansprechendem Begleittext innehalten.

Freilich ziemlich aufregend, sich auf so ein Angebot einzulassen. Aber wie heißt es so schön:„Nur wer wagt, gewinnt!“ Und es geht ja um nichts weniger als um das eigene Leben, das es wieder voll und ganz zurückzugewinnen gilt. Also vielleicht mal drüber schlafen, oder aber ganz dem Augenblick vertrauen und gleich anrufen, nein, besser ein Mail schicken, das ist fürs Erste neutraler. Wer weiß, ob überhaupt ein Therapieplatz frei ist, und auch das mit dem Geld und wie häufig solche Sitzungen stattfinden sollen, ist vorab zu klären. Und was ist dort eigentlich im Erstgespräch vorzubringen? Wie soll all das, was plagt, in Worte gefasst werden? Vielleicht gleich noch einige Notizen machen, damit nichts vergessen wird. Ungewiss bleibt freilich, ob das Gespräch gut in Fluss gerät und es sich gut anfühlt, endlich mal alles loswerden zu können. Hoffentlich Verständnis zu finden für die Not in der derzeitigen Situation, und ja, auch etwas möglichst Konkretes mitnehmen zu können, das den Umgang damit irgendwie erleichtert …

So oder so ähnlich werden sich die inneren Abläufe auf den Moment der ersten Begegnung hin bewegen. Therapeut*innen wissen, wie aufwühlend und letztlich folgenschwer jene Überlegungen und Entscheidungen sind, und haben dies auch vor Augen, wenn jemand erstmals im Therapieraum im Sessel gegenüber Platz nimmt. In einer solcherart begonnenen Verhaltenstherapie wird seitens der Therapeut*innen darauf geachtet, eine möglichst konfliktfreie, natürlich-ungezwungene und Sicherheit vermittelnde Atmosphäre zu schaffen. Das bedeutet, dass eine Gesprächsführung durch die Therapeut*innen zu erwarten ist, bei der behutsam und aktiv erkundet wird, welche persönlichen Motive nach Veränderung suchen lassen (Parfy, Schuch & Lenz, 2016).

Vielleicht tasten sich die ersten Fragen zunächst einmal an die neutraleren Rahmenbedingungen des Lebens heran (Alter, Herkunft, Familienstand, Beruf), um nicht sofort zu heiklen Themen vorzudringen, davon ausgehend, dass die damit verbundene Berührbarkeit möglicherweise noch ein wenig Zeit braucht. Emotionale Überforderung wird hier vermieden und die Entwicklung einer sich als tragfähig erweisenden therapeutischen Beziehung steht eingangs im Vordergrund. Mit zunehmender Vertrautheit in der ungewohnten Gesprächssituation, wo sich auch die Therapeut*innen schon in ihrer Art zu fragen oder Gedanken auszudrücken persönlich gezeigt haben und somit abschätzbarer erscheinen, nähert sich dann der geeignete Moment für die Schilderung der eigentlich belastenden Umstände des aktuellen Lebens.

Verhaltenstherapeut*innen möchten sich ein möglichst plastisches Bild von den individuellen Schwierigkeiten machen und werden von Beginn an Wert darauf legen, die Innenwelt des Gegenübers detailliert nachvollziehen zu können. Im Gespräch wechselt die Schilderung der vorgebrachten Kernprobleme mit darauf abgestimmten Fragen ab, die konkreter erfassen und verstehen wollen, was hier durchlebt wird. In welchen Situationen treten welche belastenden Phänomene auf? Was wird körperlich empfunden und welche Gefühle und Gedanken drängen sich auf? Wird etwas unternommen, um die Situation zu verändern, und, wenn ja, was genau geschieht dann und worin besteht der nachfolgende Effekt? Und seit wann und wie häufig treten diese Phänomene auf?

Viele solcher von natürlichem zwischenmenschlichem Interesse und emotionaler Anteilnahme getragene Fragen ermuntern zur Offenheit bezüglich den Themen, die jemanden in eine Therapie führen. Hier wird es im Erstgespräch meist recht „dicht“ an komplexer Information und emotionaler Berührtheit. Und es liegt auch in der Hand der Therapeut*innen, rasch herauszufiltern, welche Hauptstränge des Erzählten von unmittelbarerer Relevanz sind und wo es sich zwar auch um wichtige Hinweise, aber nicht um zentrale Anliegen handelt.

Es entsteht auf diesem Weg ein Bild von der gegenwärtigen Lebenssituation eines Menschen mitsamt seiner familiären Geschichte (Hand, 2008; Zarbock, 2008). Das Geflecht seiner derzeit wichtigen Beziehungen, seiner täglichen Anforderungen, seiner Probleme und Hoffnungen wird greifbar. Gegen Ende des Erstgespräches versuchen Verhaltenstherapeut*innen, zusammenzufassen und wiederzugeben, was sie vom Gegenüber erfahren haben. So kann auch eine Rückmeldung erfolgen, ob die Lebenssituation stimmig aufgefasst wurde und Übereinkunft in der Sichtweise von bestehenden Schwierigkeiten hergestellt werden konnte.

Ein diesbezüglicher Konsens erlaubt manchmal selbst in einer frühen Phase der Therapie eine erste Hypothesenbildung betreffend mögliche Ursachen und denkbare therapeutische Hilfestellungen auf der Suche nach Veränderung. Nicht selten entstehen bereits hier erste Ansatzpunkte und hoffnungsgebende neue Blickwinkel auf die nur allzu vertrauten Schwierigkeiten (Kanfer, Reinecker & Schmelzer, 2012).

Freilich kann die Komplexität des ersten Eindruckes auch weitere erkundende Anstrengungen erfordern, um Genaueres über mögliche therapeutische Hilfestellungen sagen zu können. Dies freimütig einzuräumen und keine vorschnellen und daher unseriösen Schlüsse ziehen zu wollen, ist wohl selbstverständlich. Die Hilfesuchenden haben immer die Wahl, ihren Eindruck des Erstgespräches nachwirken zu lassen, und können sich zu Hause in aller Ruhe überlegen, ob sie weitere Stunden vereinbaren wollen. Das therapeutische Beziehungsangebot bleibt jedenfalls frei von jedem Drängen in diese Richtung.

Kommt es zu einer Fortführung der Therapie, treten Stunde für Stunde vor dem Hintergrund der aktuellen Ereignisse die wiederkehrenden Muster im Leben der Betroffenen immer deutlicher hervor. Ergänzt um vielleicht bisher übersehene Aspekte, zunehmend detailliert und differenziert durch ausführlichere Schilderungen und diesbezügliche Nachfragen, entsteht so ein miteinander abgestimmtes Sprechen über die persönlichen Schwierigkeiten. Manche signifikanten Begriffe und therapeutischen Schlüsselgedanken werden an passenden Stellen im Gespräch wiederholt zu den vorgebrachten Umständen in Beziehung gesetzt und können so erprobt, korrigiert und nachjustiert werden (Vilatte, Vilatte & Hayes, 2016). Die unterschiedliche Gewichtung der verschiedenen Anliegen und Bedürfnisse ist expliziter Gegenstand wechselseitiger Klärung und bleibt über den ganzen Therapieprozess im Blickfeld der Therapeut*innen, die eine ausbalancierte Themenführung entlang von sich abzeichnenden „roten Fäden“ zu gewährleisten haben. Offenheit für die aktuellen Befindlichkeiten des Gegenübers einerseits und Verantwortungsübernahme für die Prozessgestaltung und die damit verbundene gezielte Anregung von psychischer Entwicklung andererseits machen die verhaltenstherapeutische Grundhaltung aus.

1.2Die Diagnose und erste Weichenstellungen

Im Verlauf der ersten Stunden wird es möglich, eine allgemeine diagnostische Einschätzung abzugeben, welche nicht nur für den eventuell angesteuerten Antrag auf Kostenzuschuss vonseiten der Krankenkassen nötig ist, sondern dem gemeinsamen therapeutischen Projekt eine fachlich korrekte Zuschreibung zur Verfügung stellt. In internationaler Übereinkunft primär psychiatrischer und psychologischer Forschung werden nämlich in größeren Jahresabständen aktualisierte Diagnoseinstrumente vorgelegt, die möglichst prägnante Beschreibungen psychischer Phänomene mit Ein- und Ausschlusskriterien verknüpfen, um abklärende Schritte bei der Vergabe einer Diagnose präzisieren zu können (Dilling, Mombour & Schmidt, 1993; Falkai & Wittchen, 2014).

Persönliche Leidenszustände werden im Sinne einer konkret umrissenen „krankheitswertigen psychischen Störung“ fassbar und können aufgrund dessen im Gesundheitssystem mit all seinen verschiedenen Berufsgruppen klarer kommuniziert und den vorhandenen Behandlungsmöglichkeiten besser zugewiesen werden.

Traditionell konzentrierten sich insbesondere in der Verhaltenstherapie die Behandlungsansätze und die darauf bezogene Psychotherapieforschung auf solche diagnostischen Kategorien. Speziell in Institutionen, also etwa in Spitälern und Reha-Kliniken, werden seither auf bestimmte Diagnosen zugeschnittene verhaltenstherapeutische Behandlungsangebote zur Verfügung gestellt und nicht zuletzt wird in Form von themenspezifisch vorstrukturierten Gruppentherapieprozessen ein gleichsam ökonomischeres wie effizienteres Arbeiten unter begrenzten zeitlichen und personellen Ressourcen angestrebt (Fiedler, 1996, 1997).

Dennoch scheint das goldene Zeitalter störungsspezifischer Konzepte auch in der Verhaltenstherapie seinen Zenit überschritten zu haben. Seit Jahren schon lassen sogenannte „transdiagnostische Ansätze“ aufhorchen, welche bestimmte innerpsychische Dynamiken über alle Diagnosen hinweg als genuin problemverursachend herausarbeiten (Fairburn, 2012; Barlow et al., 2019; Heßler & Fiedler, 2019; Spitzer, 2019). Behandlungskonzepte setzen dann ebenso mehr oder weniger direkt an diesen Phänomenen an und bewähren sich angesichts unterschiedlichster diagnostischer Ausgangsbefunde, wie noch an späterer Stelle ausführlicher darzustellen ist.

Erhalten bleibt von der früheren Hinwendung zu einzelnen „krankheitswertigen psychischen Störungen“ freilich ein reiches „Störungswissen“, also ein Fundus, der viele Überlegungen, genaue Beobachtungen, Behandlungsanregungen und sehr konkrete therapeutische Arbeitsmaterialien zur Verfügung stellt. Und zu wissen, welcher diagnostischen Kategorie die eigenen Schwierigkeiten zuzuordnen sein könnten, dient auch in den freien Praxen Betreuten bei der Suche nach weiteren Hilfsmöglichkeiten zusätzlich zur Psychotherapie. Entsprechende diagnosespezifische Selbsthilfeliteratur, Selbsthilfegruppen oder Informationen aus dem Internet können so gezielter aufgespürt und zur Anregung der eigenen psychischen Entwicklung genutzt werden.

An dieser Stelle muss auch erwähnt werden, dass es bei manchen diagnostisch einzugrenzenden Problemen äußerst ratsam ist, medizinische Hilfe und medikamentöse Unterstützung in Anspruch zu nehmen. Ich denke da etwa an Psychosen, schwere Depressionen oder Zwänge, welche oft erst unter begleitender Medikation einer psychotherapeutischen Behandlung zugänglich werden. Die Kooperation mit Vertreter*innen anderer Gesundheitsberufe, allen voran mit psychiatrischen Fachärzt*innen, ist generell ein Thema zu Therapiebeginn, wo die dahingehende Beratung und vielleicht sogar Empfehlung bestimmter Institutionen zu den Aufgaben der Verhaltenstherapeut*innen zählt. Therapiebegleitend bleibt besonders bei wiederkehrenden suizidalen Krisen oder erneuten psychotischen Episoden diese Kooperation als geschätztes „Back-up“ im Hintergrund erhalten.

Jenseits aller vordergründigen Diagnosen gibt es übrigens gar nicht so selten Bedarf nach einer bloßen Verbesserung des Zusammenlebens innerhalb von partnerschaftlichen Beziehungen – ein Bereich, der nicht unbedingt in die Zuständigkeit des Gesundheitssystems fallen muss und dennoch zur Therapie führt. Unzufriedenheit damit, wie es sich gerade in der bestehenden Beziehung anfühlt, kann zwar mit psychischen Vorbelastungen der einzelnen Beteiligten zu tun haben, das muss aber nicht notwendigerweise und immer der Fall sein. Es handelt sich wohl eher um ein weit verbreitetes gesellschaftliches Phänomen, dass die Etablierung und Stabilisierung von Intimbeziehungen mindestens ebenso häufig ersehnt wie durch ungeschickte Kommunikation und unrealistische Erwartungen auch rasch wieder sabotiert wird. In diesem Fall ist schon am Anfang einer Psychotherapie auszuloten, ob es vielleicht eine Bereitschaft des*der abwesenden Partners*in gibt, in die Therapie mit einzusteigen (Roediger, Simeone-DiFrancesco & Stevens, 2015). Erfahrungsgemäß kommen Paare (und Therapeut*innen) dann rascher an den Punkt, wo zwei einander eigentlich wichtig gewordene Menschen stets aneinander vorbeireden und mit sich aufschaukelnder Frustration darauf reagieren. Solche blitzartig eskalierenden Dynamiken unmittelbar vor Augen zu haben, lässt auch die Hilfestellung ungleich präziser ausfallen, als wenn stundenlang über eine*n abwesende*n Partner*in geklagt wird und in den Fantasien von Therapeut*innen wahre Zerrbilder entstehen, die aus schlichter Unkenntnis für real genommen werden. Ich fürchte, dass so schon manche Trennung von einer fehllaufenden Einzeltherapie angeregt wurde – viel Leid, das durch die Hinzuziehung des*der Partners*in vielleicht hätte vermieden werden können. Konkrete Vorstellungen, wie partnerschaftliche Kommunikation paartherapeutisch kultiviert und ein respekt- und verständnisvollerer Umgang in Beziehungen erlernt werden kann, gibt es jedenfalls in der Verhaltenstherapie (Schindler, Hahlweg & Revenstorf, 1998, 1999).

Ebenso ist es in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen sehr ratsam, die unmittelbaren Bezugspersonen in die Therapie mit einzubinden. Das werden zuvorderst die zentralen Familienmitglieder sein, aber auch Vertreter*innen von Institutionen, die vielleicht schon involviert wurden, um für das Kindeswohl zu sorgen. Hier müssen manchmal weitreichende Entscheidungen getroffen, Verantwortlichkeiten neu aufgeteilt und nachhaltig verändernde Eingriffe in den familiären Systemen gewagt werden, damit die Heranwachsenden überhaupt eine Chance bekommen, sich aus ihren meist ziemlich festgefahrenen Symptomatiken herausentwickeln zu können. Die verhaltenstherapeutischen Angebote begleiten solche Prozesse und vermitteln zwischen den kindlichen Erfahrungswelten und den familiären Gegebenheiten, wobei auch hier sehr konkrete Therapieansätze zur Verfügung stehen (Loose, Graaf & Zarbock, 2013).

1.3Das individuelle Fallkonzept

Sobald sich eine tragfähige therapeutische Beziehung entwickelt hat und die ersten groben diagnostischen Einschätzungen und damit verknüpften Entscheidungen getroffen wurden, geht es an die subtilen Feinheiten, ohne die ein psychotherapeutischer Prozess wohl nicht in Gang kommen kann. Die eigentliche verhaltenstherapeutische Diagnostik besteht dann darin, den beschwerdeverursachenden Symptomen so nachzugehen, dass Aussagen über mögliche prädisponierende, auslösende und auch aufrechterhaltende Bedingungen getroffen werden können.

Etwa in Form eines „Bio-Psycho-Sozialen Modells“ werden auf der Ebene des Körpers, der innerpsychischen Vorgänge und der sozialen Einbettung alle Momente zusammengesammelt, die hier als einflussreiche Faktoren infrage kommen (Kanfer, Reinecker & Schmelzer, 2012). Früher sprach man diesbezüglich gerne von einer „funktionalen Verhaltens- oder Bedingungsanalyse“, heute werden die problemrelevanten Lernerfahrungen vor dem Hintergrund der Biografie häufig auch als „dysfunktionale oder maladaptive Schemata“ herausgearbeitet (Young, Klosko & Weishaar, 2003).

Hinter diesen abstrakt klingenden Begriffen stehen zunächst ausführliche Gespräche, in denen mit hoher Einfühlungsbereitschaft bezüglich der subjektiven Erlebniswelt der Hilfesuchenden die bedeutsam erscheinenden biografischen Zusammenhänge erkundet werden. Gemeinsam wird den inneren Reaktionsweisen auf äußere Lebensumstände nachgespürt und nach Worten gesucht, die treffende Beschreibungen ermöglichen.

Je nachdem, welcher der verschiedenen Ansätze der Verhaltenstherapie nun den Rahmen für das solcherart erarbeitete Fallverständnis abgeben soll, stehen spezifische Schlüsselbegriffe und somit auch eine ganz bestimmte Sichtweise bezüglich der vermuteten Ursachen im Raum. Wie schon eingangs angedeutet, liegt es an den einmaligen Konstellationen zwischen Therapeut*innen und Hilfesuchenden, welche Zugänge in genau dieser Phase der Therapie am vielversprechendsten erscheinen.

Die lebendigen Eindrücke innerhalb der therapeutischen Beziehung regen ebenso dazu an, nicht nur die inhaltlichen Aussagen des Mitgeteilten für die diagnostische Einschätzung heranzuziehen, sondern auch die sich abzeichnende nonverbale Art und Weise des Interaktionsverhaltens (Grawe, 1992; Caspar, 1996, 2008).

Ist das Gegenüber drängend und dominant oder passiv-zurückhaltend? Deuten sich im zögerlich aufgenommenen Blickkontakt Zeichen von Unsicherheit an oder spiegelt sich darin eher eine nach innen gewandte Traurigkeit? Wird eine starke Präsenz und geistige Differenziertheit wahrnehmbar oder entsteht der Eindruck von schwammiger Ungreifbarkeit und geringer Konzentrationsbereitschaft?

Wenn Therapeut*innen anhand ihrer eigenen inneren Reaktionen für bestimmte Charakteristika in der Beziehungsdynamik sensibilisiert werden, dann werden sie diese zunächst gezielter beobachten und das Gegenüber in einem geeigneten Moment darauf ansprechen. Hier schwingen auch erste Hypothesen zur Funktionalität von Symptomen und Interaktionsmustern mit, die sich entsprechend den gewählten therapeutischen Konzepten im weiteren Verlauf zu bewähren haben oder aber überdacht und nachjustiert werden müssen.

Ein offener und alle Überlegungen transparent machender Diskurs lädt dazu ein, gemeinsam und kritisch abzuwägen sowie in der Erfahrung des Lebensalltages zu überprüfen, ob sich die gewählte Sichtweise als wirklich weiterführend und hilfreich erweisen kann. Meist werden Muster erkennbar, die in Bezug auf frühere Erfahrungen gesehen durchaus verständlich sind, im heutigen Umgang mit den sozialen Anforderungen aber hinderlich wurden (Young & Klosko, 2006).

War die Kindheit etwa geprägt durch die ständige Konkurrenz zu den älteren Geschwistern, mit der Angst, vor den strengen Augen der Eltern nicht bestehen zu können, so ist es nachvollziehbar, dass etwa aus Furcht vor Bloßstellung mit höchster Anstrengung an jede Leistungsaufgabe herangegangen wurde. Im Erwachsenenleben kann diese permanente Tendenz zur Überkompensation von Versagensängsten zu chronischem Stress und zu begleitenden somatischen Beschwerden führen, selbst wenn die Vorgesetzten hochzufrieden sind und keineswegs fordernd auftreten.

Oder aber es ist ein entgegengesetztes Muster entstanden, wo sich eine selbst für die*den Betroffene*n rätselhafte Tendenz zum ständigen Aufschieben nötiger Erledigungen breitmacht, die alle gegen sie*ihn aufbringt, ihr*ihm aber schon einst eine passiv-aggressive Dominanz in der ursprünglichen Familiensituation ermöglichte. Heute hingegen wäre diese Form vermeintlicher Selbstbehauptung fatal und würde private wie berufliche Beziehungen aufs Äußerste belasten.

Oder aber es hat sich ein Muster von emotional unbeteiligtem Funktionieren in Leistungssituationen bei gleichzeitiger innerer Leere und Neigung zur bilanzierenden Depression etabliert, da sich keine freudvoll erlebte Identifikation mit selbstgewählten Arbeitsaufgaben ausbilden konnte. Dieses Vakuum wird vielleicht heute mit selbstschädigendem und schon längst automatisiertem Konsumverhalten verzweifelt zu füllen versucht.

Oder aber …

Diese hier skizzierten Varianten, auf die gegebenen Lebensumstände zu reagieren, wären in ihrer inneren Logik auch in zahllosen anderen Formen denkbar. Solche Varianten entstehen im Leben wohl ebenso vielgestaltig wie im Schachspiel, wo minimal unterschiedliche Gewichtungen und damit zusammenhängend mehr oder weniger bewusst gefällte Entscheidungen zu gänzlich unterschiedlichen Verläufen führen (und niemals zu exakt gleichen).

Das verhaltenstherapeutische Fallverständnis spürt diesen individuellen Bedingtheiten nach, integriert die gemeinsam als bedeutend erkannten Umstände persönlicher Prägung und „holt jeden dort ab, wo er gerade steht“.

Einhergehend mit einer klaren Definition der problemrelevanten Ausgangsbedingungen ist im Umkehrschluss dann auch die Suche nach möglichen psychotherapeutischen Ansatzpunkten deutlich erleichtert. Die bestehenden Schwierigkeiten, einmal in ihren Merkmalen vollumfänglich verstanden, beinhalten die wesentlichsten Hinweise zu ihrer eigenen Auflösung.

Vermeide ich etwa chronisch die Fertigstellung von Arbeitsaufgaben, um mich nicht in einer Vergleichssituation im Kollegenkreis als jemand zu blamieren, der es nicht gut genug gekonnt hat, dann geht es therapeutisch genau darum, mich mit diesen Situationen gezielt auseinanderzusetzen, damit ich korrigierende Erfahrungen machen kann.

Vielleicht „kochen die anderen auch nur mit Wasser“ und sind nicht perfekt in ihren Ergebnissen, oder vielleicht helfen sie mir freundlich dabei, wenn etwas noch nachzubessern ist, vielleicht aber bekomme ich wider Erwarten sogar Lob und ehrliche Anerkennung. Somit ist schon klar geworden, in welche Richtung sich eine Therapie hier ungefähr bewegen sollte, selbst wenn auf diesem Weg noch viele Hindernisse auftauchen werden, die erneut genauer zu untersuchen sind.

1.4Zwischen therapeutischer Planung und Spontanität

In gewisser Weise lassen sich verhaltenstherapeutische Prozesse also nach einer ersten diagnostischen Einschätzung und mit einem ausführlich erarbeiteten Fallverständnis regelrecht „planen“ (Fiedler, 1997). Eine solche Planbarkeit versteht sich freilich nicht als zwingende Vorgabe, wie dann die Therapie abzulaufen hat oder gar wirklich abläuft. Vielmehr handelt es sich eher um einen skizzenhaften Entwurf, der in gemeinsamer Abstimmung fortlaufend immer wieder aufs Neue weiterentwickelt wird und dabei helfen kann, gewissermaßen „mit einem Kompass in der Hand“ und „am selben Strang ziehend“ die jeweils nächsten Schritte in Erwägung zu ziehen. Alles, was sich beim Beschreiten des Weges dann ereignen mag, fließt natürlich wieder ein in die Sicht der Dinge, und therapeutische Pläne können sich so mitunter ziemlich verändern (Kanfer, Reinecker & Schmelzer, 2012).

Dennoch bleiben oft wesentliche therapeutische Prinzipien von Anfang an durchgängig erhalten, und mit diesen planvollen Perspektiven verknüpft tun sich automatisch ganze Bündel infrage kommender verhaltenstherapeutischer Strategien und Methoden auf. Aus dem breiten Fundus des störungsspezifischen Wissens, aber auch aus transdiagnostischen Überlegungen heraus können unschwer Ideen generiert werden, wie sich die angedachte Ausrichtung des Therapieprozesses in ganz konkrete Erfahrungssequenzen verwandeln lässt. Sei es innerhalb der therapeutischen Beziehung, wo der Fokus der gemeinsamen Aufmerksamkeit durch die therapeutische Gesprächsführung auf neue Aspekte gelenkt wird, oder außerhalb, wo im Alltagsleben mit neuen Eindrücken experimentiert werden kann – an anregenden Impulsen wird es in verhaltenstherapeutischen Prozessen selten mangeln.

Was dann aber tatsächlich von Stunde zu Stunde geschieht, hat zu einem großen Teil auch mit den Zufälligkeiten des Lebens zu tun, also mit Ereignissen, die sich jeder Planbarkeit entziehen und die wir alle hinreichend aus eigener Erfahrung kennen.

Plötzliche Sorge mit der ernsten Erkrankung eines*einer Angehörigen, ein verwüstender Rohrbruch in der Wohnung, die überraschende Konkursanmeldung des Arbeitgebers, ein Autounfall und viele weitere Schreckensmöglichkeiten wären da auflistbar, die freilich immer zwingend das therapeutische Gesprächsthema vorgeben werden.

Dass sich gerade in solchen Notsituationen die Mechanismen hinter den eigenen psychischen Schwierigkeiten ganz besonders deutlich abzeichnen können, ist ebenso klar. Somit besteht die Kunst der therapeutischen Gesprächsführung wohl darin, hinreichend spontan und flexibel auf die augenblicklichen Verfassungen und Gegebenheiten einzugehen, trotzdem dabei aber die allgemeinen therapeutischen Perspektiven nicht zu vernachlässigen (Villatte, Villatte & Hayes, 2016).

Gerade in der Auseinandersetzung mit dem Unerwarteten kann einen die Verknüpfung mit den bereits zuvor erkannten eigenen Verarbeitungsmustern intensiver als sonst berühren. Sind wir besonders verletzlich, so sind wir auch besonders empfänglich für hilfreiche Angebote, unsere aktuelle Not besser begreifen und unsere Reaktionsweisen vielleicht früheren Erfahrungen schlüssiger zuordnen zu können (Young, Klosko & Weishaar, 2003).

Der therapeutische Gesprächsfluss wird also in freier Annäherung an die spontanen Äußerungen der Hilfesuchenden zwischen übergeordneten therapeutischen Plänen und den aktuell zwingenden Umständen vermitteln. In kreativer Weise gilt es, vieles gleichzeitig im Auge zu behalten und dennoch immer wieder auf therapeutisch relevante Ansatzpunkte hinzusteuern. Dabei bieten sich grundsätzlich drei verschiedene Ausrichtungen an: Der therapeutische Fokus könnte sich erstens auf Erlebnissequenzen aus der persönlichen Vergangenheit richten, zweitens auf den Umgang mit emotionalen und gedanklichen Prozessen, die sich in der Gegenwart aufdrängen, und drittens auf die perspektivische Ausrichtung bezüglich der zu gestaltenden Zukunft.

In den Therapiegesprächen, die ihren Ausgang ja immer vom gegenwärtigen Moment der persönlichen Begegnung nehmen, wird die gemeinsame Aufmerksamkeit freilich oft zwischen diesen drei verschiedenen Zeitachsen hin- und herspringen, immer mit der therapeutischen Absicht, thematische Verbindungen herzustellen, um zu einem umfassenderen Selbstverständnis hinleiten zu können.

An dieser Stelle müssen wir aber zur besseren Darstellung jene drei grundlegenden Dimensionen therapeutischer Arbeit zunächst einmal in drei gesonderte, aufeinander folgende Kapitel aufteilen. Dabei halten wir uns fürs Erste an den Fluss der Zeit und beginnen mit der therapeutischen Ausrichtung auf lebensgeschichtliche Erfahrungen. Später widmen wir uns dem Umgang mit mehr gegenwärtigen Phänomenen und enden letztlich bei der Zukunftsperspektive. Diese Reihung ist der schriftlichen Darstellung geschuldet und soll keineswegs suggerieren, dass Therapien zwingend einer solchen Abfolge entsprechen. Die Reihung könnte nämlich genauso gut anders herum gesetzt werden: Vielleicht wollen Sie zuerst das Kapitel über gegenwärtige Schwierigkeiten lesen oder sind neugierig, wie zielorientiertes Arbeiten aussehen könnte – dann bitte lesen Sie, werte Leser*innen, doch das Buch verkehrt herum oder setzen in der Mitte an. Eigentlich sollte dies nicht Ihr Verständnis beeinträchtigen, sondern es würde sich hier nur wieder Ihr individueller Zugang zur Verhaltenstherapie mit Ihren höchst persönlichen Schwerpunktsetzungen abbilden, wie dies für die flexible Prozessgestaltung in der verhaltenstherapeutischen Arbeit ohnehin charakteristisch ist.

Keine Therapie wird der anderen exakt gleichen, und in der einmaligen Konstellation von Hilfesuchenden und Therapeut*innen werden die zeitperspektivischen Ausrichtungen des Prozesses in gemeinsamer Abstimmung zu definieren und fachlich zu begründen sein.

2Die Arbeit an der lebensgeschichtlichen Erfahrung

In einem zeitgemäßen verhaltenstherapeutischen Menschenbild wird die Bedeutung der (früh-)kindlichen Erfahrungswelt immer mitgedacht (Parfy & Lenz, 2018). Die Erkenntnisse von Säuglings- und Bindungsforschung sowie allgemein die Vorstellungen von den förderlichen und hinderlichen Umständen im Zuge des Heranwachsens aus der Entwicklungspsychologie fließen mehr oder weniger explizit ins Fallverständnis ein (Guidano & Liotti, 1983; Stern, 1998; Grossmann & Grossmann, 2000, 2004).

Die historischen Wurzeln des verhaltenstherapeutischen Ansatzes sind nicht zufällig in den Lerntheorien zu verorten, wo erst die Rolle von stimulierenden Bedingungen, dann von nachfolgenden Konsequenzen für unser Verhalten untersucht wurde (Schorr, 1984). Mit dem Hinzukommen von Theorien zur persönlichkeitsspezifischen Informationsverarbeitung im Zuge der sogenannten „Kognitiven Wende der Verhaltenstherapie“ gelang der überfällige Lückenschluss zwischen dem „Davor“ und dem „Danach“ unseres Verhaltens durch Hinwendung zu den kognitiven, also gedanklichen Verarbeitungsprozessen unserer Welterfahrung (Mahoney, 1974).

Dabei wurde klar, wie sehr die solcherart herausgearbeiteten kognitiven Schemata ein ziemlich änderungsresistentes Eigenleben führen können. Die ihnen innewohnende einstige Erfahrungslandschaft reproduziert sich nämlich in ihrer bedeutungshaltigen Struktur schon bei geringster neuerlicher Aktivierung förmlich stets von selbst (Beck, 1976; Young, 1990).

Die aktuelle Interpretation einer Situation tendiert tatsächlich häufig dazu, das Situationsgeschehen als Wiederholung des bereits Bekannten aufzufassen. Schlimmstenfalls drängt so die frühere negative Erfahrung mit all ihren Emotionen und den daraus resultierenden Annahmen und Schlussfolgerungen in die aktuelle Erlebnisgegenwart hinein und überlagert dann leider das in einer Beziehungssituation letztlich immer auch gegebene Potenzial, korrigierende positive Erfahrungen zu machen.

Dass Emotionen hier mehr sind als nur Begleiterscheinungen unserer gedanklichen Auffassung, wurde spätestens mit den Ergebnissen der sogenannten „Differentiellen Emotionstheorie“ zum festen Bestandteil verhaltenstherapeutischen Menschenverständnisses (Izard, 1977; Parfy & Lenz, 2018). So können Gefühle in ihren innerpsychischen und zwischenmenschlichen Funktionen, aber auch in ihren spezifischen Ausdrucksmustern klar unterschieden werden. Dabei ist die zentrale Rolle des emotionalen Reaktionssystems im Zuge der menschlichen Evolution und dessen unübersehbarer Einfluss auf unsere Denkprozesse nachhaltig ins Bewusstsein gekommen (Ciompi, 1997).

Affekt- und Gefühlserleben zählen zu den angeborenen und körpernahen Reaktionsformen, mittels derer schon Säuglinge zwischen eigenen Bedürfnissen und den benötigten Hilfestellungen durch zentrale Bezugspersonen vermitteln. Säuglinge zeigen starke Emotionen, wenn sie sich nicht wohlfühlen, weil sie etwa hungrig, gelangweilt oder überfordert sind. Sie wollen gefüttert, mit neuen interaktiven Herausforderungen unterhalten oder aber in eine beruhigende Umgebung gebracht werden.

Emotionen steuern so als Signale in Beziehungen die erwünschte Bedürfniserfüllung, ermöglichen die affektive Abstimmung zwischen Kind und Fürsorgeperson und auch eine im besten Fall spielerisch gelingende Passung bei gemeinsamen Interaktionssequenzen. Dabei wollen die mitschwingenden Gefühle gesehen, verstanden und beantwortet werden, um ihre evolutionär vorverankerte Funktion erfüllen zu können.

Die mit zunehmendem Lebensalter immer komplexer werdenden kognitiven Verarbeitungsprozesse begleiten die in der Kindheit entstandenen emotionalen Erfahrungsmuster, und dies umso förderlicher, als die in den wichtigen Beziehungen zur Verfügung gestellte Sprache auch erlebnisnahe den empfundenen Gefühlen entspricht. Hinreichend sensible Bezugspersonen werden ihre Fürsorgehandlungen mit Worten begleiten, die erst in der lautmalerischen „Ammensprache“ eine Nähe zum gezeigten Gefühlsausdruck herstellen und dann einen gleitenden Übergang zum eigentlichen Sprachverständnis ermöglichen. Die Kinder lernen auf diesem Weg, die angebotenen Worte auch selbst zu verwenden, um auf ihre Bedürfnisse aufmerksam zu machen.

Mit dem sich ausweitenden Spracherwerb tritt der eigentliche Gefühlsausdruck etwas in den Hintergrund und die faszinierenden Möglichkeiten von verbalen Botschaften verleiten vermehrt zur Erkundung dieser neu hinzugewonnenen Sphäre der Kommunikation. Freilich wächst hier die Fähigkeit zur Abstraktion, also zur symbolisch kodierten Bezeichnung von augenblicklich abwesenden Dingen, automatisch mit. Eine Errungenschaft, die gleichzeitig auch einen gewissen schmerzlichen Verlust an gefühlter Unmittelbarkeit und Ganzheitlichkeit bedingt (Stern, 1998).

Somit bleibt es wohl lebenslänglich eine zentrale menschliche Aufgabe, für eine Balance und einen guten Austausch zwischen emotionalen und kognitiven Prozessen zu sorgen. Es kann zu Recht als eine Form von Weisheit aufgefasst werden, wenn es mehrheitlich gelingt, zwischen unseren unmittelbar erlebten Gefühlen und den aus rationaler Vernunft geformten Haltungen auf intuitive Weise zu vermitteln, also in einer als „wise mind“ bezeichneten Geistesverfassung den stets wechselnden Lebensumständen begegnen zu können (Linehan, 1993).

Das Zusammenspiel von Fühlen und Denken gerät hingegen in ein umso problematischeres Verhältnis, je weniger die in den frühen Jahren vermittelten sprachlichen Umgangsformen den emotionalen Signalen und den dahinterstehenden Bedürfnissen gerecht wurden.

Vielleicht kam kaum jemand mit offenen Fragen nach eventuell vorhandenen Wünschen den kindlichen Bedürfnissen einen Schritt weit entgegen. So konnte auch nicht erlernt werden, diese in adäquate Worte zu fassen, und sie erfuhren folglich auch keine direkt darauf bezogene stimmige Beantwortung. Solche misslingenden Abstimmungen zwischen Kind und primären Bezugspersonen ziehen je nach Häufigkeit und Ausmaß oft anhaltende Schwierigkeiten nach sich.

Protestiert das Kind zum Beispiel angesichts der Unstimmigkeit mit Wut, so kann das kurzfristig zu einem Erleben von Mächtigkeit und Kontrolle führen, doch in weiterer Folge schlägt dies nicht selten in Angst vor möglicherweise heftig ausfallenden Reaktionen der erwachsenen Bezugspersonen um. Häufig durchlebte Interaktionssequenzen, die beim Kind intensive Aggression wecken und umgekehrt auch intensiv angstbesetzt sind, können dazu beitragen, dass diese Emotionen als „zwei Seiten ein und derselben Medaille“ verwoben werden. Die dadurch etablierte Grundspannung zwischen Dominanz und Unterwerfung begleitet das Kind dann vielleicht als unaufgelöstes Thema bis weit hinein ins Erwachsenenleben. Möglicherweise tritt uns später eine aggressiv herausfordernde Persönlichkeit entgegen, die eine für Außenstehende rätselhaft erscheinende klaustrophobische Symptomatik entwickelt hat.

Ebenso kann der Protest zum emotionalen Rückzug aus den als unstimmig erlebten Beziehungen führen. Die Brücken emotionaler Verbundenheit werden abgebrochen, und es ist so, als ob sich eine Muschel verschließen würde, die sich vor schädlichen oder bedrohlichen Einflüssen schützen möchte. Allerdings kommen in diesem Bild dann auch keine Nährstoffe mehr in das Innere der harten Schale und die Kräfte schwinden zunehmend. Hier können wiederkehrende depressive Zustände zum Lebensthema werden, denn das emotionale Gedächtnis ist schließlich hochsensibel bezüglich der subtilen Umstände, welche einst die eigenen Bedürfnisse verletzt haben, und wird durch die Anmutung einer möglichen Ähnlichkeit in gegenwärtigen Situationen abermals aktiviert (neudeutsch „getriggert“). Rascher als es den Betroffenen lieb ist, „schließt sich die Muschel“ dann wieder reflexartig.

Oft sind es spontane Empfindungen und Gefühle, die nachfolgend ganze Erinnerungsszenarien aus dem Gedächtnis empordrängen und ins Bewusstsein treten lassen (Goschke, 1996; Grawe, 1998). Wir können uns vorstellen, dass sich auf der neurobiologischen Ebene unseres Zentralnervensystems im Zuge der einstigen Erfahrungen sogenannte neuronale Netzwerke ausgebildet haben, welche durch entsprechende Schlüsselreize jederzeit wieder aktiviert werden können. Und so wird auch klar, warum es häufig zu Auffassungen von aktuellen Lebenssituationen kommen kann, die Außenstehenden mitunter als ziemlich unpassend und übertrieben erscheinen können. Das, was das heutige Gegenüber gerade ausdrücken wollte, wird vielleicht als Hinweis darauf missverstanden, wie frühere, unsensiblere Bezugspersonen mit einem umgegangen sind.

Doch erfreulicherweise kann den neuronalen Netzwerken eine erstaunliche Plastizität zugeschrieben werden – die bewusste Einordnung von neuen Erfahrungen, die den alten klar widersprechen, begünstigt ein prinzipiell immer mögliches korrigierendes Lernen. Diese Fähigkeit bleibt uns glücklicherweise ein Leben lang erhalten, wir müssen uns nur dafür öffnen, sie auch zu nutzen (Siegel, 2006).

Das Durchleben vergangenheitsbezogener Gefühle ist auf der anderen Seite für den psychotherapeutischen Prozess äußerst wertvoll und lässt nicht nur die wesentlichen inneren Dynamiken wie unter einem Vergrößerungsglas hervortreten, sondern erlaubt auch den Therapeut*innen durch ein genau darauf abgestimmtes sprachliches Angebot in jene heiklen Zonen der emotionalen Berührbarkeit vorzudringen, die vielleicht noch niemals in Worten erfasst wurden. Die Therapeut*innen können etwa mitfühlend ihre eigene Wahrnehmung der geschilderten Umstände in Form von Beschreibungen zur Verfügung stellen, und wenn diese Beschreibungen von den Hilfesuchenden als zutreffend angenommen werden können, ermöglicht ihnen dies meist ein bewussteres Einordnen dessen, was damals eigentlich geschehen ist. Solche therapeutisch geleiteten emotionalen Verarbeitungsprozesse mitsamt einer nun gelingenderen sprachlichen Ausformulierung des subjektiven Erlebens können die empfundene emotionale Not beträchtlich erleichtern (Greenberg & Safran, 1987; Greenberg, Rice & Elliott, 1993).

Das zuvor noch niemals in adäquate Worte gefasste Leid, das bisher mangels einfühlsamer Bezugspersonen mehr oder weniger stumm als diffuser und kaum begriffener Zustand erduldet wurde, kann gesehen und benannt und somit erstmals begrifflich gefasst werden. Die schmerzlichen, vergangenheitsbezogenen Gefühle finden so über die mit therapeutischer Unterstützung gelingende initiale Versprachlichung hinein in eine kognitive Verarbeitung. Damit können die frühen Bruchlinien zwischen emotional erlittener Bedürfnisfrustration und den dort einst nicht hinreichenden sprachlichen Angeboten wieder ein Stück mehr zusammenwachsen.

Details

Seiten
150
ISBN (ePUB)
9783991113720
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2021 (Oktober)
Schlagworte
Commitment Achtsamkeit Schematherapie Reihe Pychotherapie Mitgefühl Psychische Flexibilität Akzeptanz Erwin Parfy Praxis Psychotherapie Bereitschaft Selbstmanagement Verhaltenstherapie

Autor

  • Erwin Parfy (Autor:in)

Mag. Dr. Erwin Parfy, studierte in Wien Psychologie, absolvierte eine verhaltenstherapeutische Ausbildung und arbeitet als Psychotherapeut in freier Praxis. Als Lehrtherapeut ist er in der verhaltenstherapeutischen Fort- und Weiterbildung vielschichtig engagiert.
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Titel: Verhaltenstherapie