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Kinaesthetics in der Pflege

Effektive Bewegung zur Gesundheitsentwicklung

von Ulrike Resch-Kröll (Autor:in) Bettina Maria Madleitner (Autor:in)
272 Seiten

In Kürze verfügbar

Zusammenfassung

Bewegung ist alles – Gesundheitsentwicklung durch Bewegungslernen!
Das Lehrbuch hat zum Ziel, eigene automatisierte und zum Teil unbewusste Bewegungsabläufe zu erkennen, zu benennen und in Folge nutzen zu können. So werden unbewusste Bewegungsabläufe zu bewussten Bewegungsschritten, die im Rahmen professioneller Pflege umgesetzt werden können.
Die professionelle Pflegebegegnung und dazu mögliche wirkungsvolle Pflegeberührungen sowie Bewegungsanleitungen ergeben einen wahren Schatz an Interaktions- und Kommunikationsmöglichkeiten mit den zu begleitenden Personen. Die ausgewählten Videosequenzen begleiten die Inhalte des Buches und verdeutlichen praxisnah die Aktivitäten des Positionierens und Mobilisierens.

Leseprobe

Allgemeine Erklärung zu den Wirkungsfeldern und zum Inhalt

Die Wirkung auf die Gesundheit und der praktische Nutzen von MH®Kinaesthetics werden

durch wissenschaftliche Ergebnisse unterschiedlicher Disziplinen,

durch Ergebnisse von Evaluationen in Implementierungsprozessen,

durch Erfahrungen und

durch Rückmeldungen in Form von Aussagen und/oder schriftlichen Befragungen von Kurs- und Seminarteilnehmer*innen, von Patient*innen, Klient*innen, Bewohner*innen, Multiplikator*innen und Trainer*innen sowie von Anwender*innen aus der Praxis beschrieben.

Der Nutzen wird anhand einiger Beispiele, Beschreibungen und Möglichkeiten dargestellt. Wir erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit dieser Auflistungen.

Erfolge und Erkenntnisse werden Sie ausschließlich dann haben, wenn Sie

bereit für Bewegungslernen sind,

die eigene Gesundheit fördern und entwickeln möchten,

sich auf Eigenerfahrungen und effektive Bewegungen im Alltag einlassen und sich damit beschäftigen,

diese Erkenntnisse im Lebens- und Berufsalltag dauerhaft integrieren und

mutig sind und Ihr Bewegungs- und Lebensmuster verändern möchten.

Zudem ist anzuführen, dass für die Beschreibung des MH®Kinaesthetics-Bildungssystems die aktuellsten und zum Teil nicht veröffentlichten Schriften und Aussagen der Begründer, Dr.in Lenny Maietta und Dr. Frank W. Hatch, sowie von Carmen Steinmetz-Ehrt und Andrea Eichler, den Geschäftsführenden der Kinaesthetics-mlh GmbH Deutschland, genutzt werden durften.

Am Ende finden Sie eine Tabelle mit einzelnen Lernvideos, die Sie als Idee und Möglichkeit für die praktische Umsetzung nutzen können.

VIDEO

Einführende Worte – Absicht der Autorinnen

https://vimeo.com/659596140

1 Effektive Bewegung ist Gesundheitsentwicklung: MH®Kinaesthetics – The Original

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Abb. 01: Button: MH®Kinaesthetics – The Original

Effektive Bewegung bildet die Grundlage für menschliches Handeln im Lebensalltag und trägt positiv zur Gesundheitsentwicklung aller Menschen bei.

Effektive Bewegung ist eine Grundlage der Lebensgestaltung und der Erhaltung der Selbstständigkeit.

1.1 Entwicklung

Der Begriff Kinaesthetics wurde 1974 erstmals verwendet. Kinaesthetics ist ein Bildungssystem zur Gesundheitsentwicklung für Menschen in allen Lebenslagen, unabhängig vom Alter oder vom Beruf. Dieses Bildungssystem wurde in jahrzehntelanger Bearbeitung durch Dr.in Lenny Maietta (1950–2018) und Dr. Frank W. Hatch entwickelt und in Zusammenarbeit mit unterschiedlichen Menschen erweitert. Frank W. Hatch (*1940) ist bis heute in Europa und Japan aktiv.

An der University of Wisconsin-Madison hatte Dr. Frank W. Hatch, begleitet von seinem Mentor, dem berühmten Verhaltenskybernetiker Dr. K. U. Smith, den Grundstein für Kinaesthetics gelegt. Als Tänzer, Choreograph und Philosoph beschäftigte sich Hatch mit der menschlichen Bewegung und Haltung. In seiner Dissertation (1973) befasste er sich mit der kybernetischen Verhaltensinterpretation von Tanz und Kultur und beschrieb:

„This descriptive study consists of a system’s analysis of dance and dance culture. A feedback theory of self-governed behavior is used to describe the dancer as a dynamic control system. Highly coordinated interactions of dancers with each other and with their audience are explained in terms of mutual social tracking, wherein the motorsensory of two or more persons are cross-yoked with each other in dynamic acts of mutually controlled behavior. A cybernetic theory of cultural behavior is applied to the symbolic movement of dance to show how dance acts as control factor of cultural expression and communication. An evolutionary summary and interpretation of dance history is presented as evidence for the systems or cybernetic interpretation of dance. This summary explains why older levels of dance behavior persist and coexist with newer developments to form a living record of culture.“ (Hatch, 1973, S. 1)

Hatch (1973) nannte seine Arbeit und sein Forschungsgebiet Kinaesthetics. Dieser englische Begriff umfasst die Lehre der Bewegungsempfindung und die Fähigkeit, Körperteile unbewusst zu bewegen, zu steuern und zu kontrollieren. Die Wortkreation „Kinaesthetics“ stammt von den griechischen Wörtern kinesis (Bewegung) und aisthesis (Wahrnehmung) ab. In diesem Kontext bedeutet die Wortkreation also „Bewegungswahrnehmung“.

Bereits 1880 beschrieb der britische Neurologe Henry Charlton Bastian „a Sense of Movement – Kinaesthesis“ als Bewegungssinn und benannte ein zuständiges Gehirnareal, „a Sense of Movement Centre“, welches für die Verarbeitung der Bewegungsempfindung verantwortlich ist.

Dr.in Linda Sue Maietta, besser bekannt als Dr.in Lenny Maietta, Geschäftspartnerin und (später) Ehefrau von Frank Hatch sowie humanistische Psychologin beschäftigte sich über viele Jahre hinweg mit dem Fachgebiet der Kindesentwicklung, mit gesunden und kranken Kindern und deren Beziehung innerhalb von Familien. Sie spezialisierte sich auf die Bewegungs- und Berührungsmethoden innerhalb von Familien und die Förderung psychischer Fähigkeiten von Kindern.

In Maiettas Dissertation „The Effects of Handling Training on Parent-Infant Interaction and Infant Development“ (1986) bildete sie die Wirkung von Eltern-Kind-Interaktionen auf Handlungsfähigkeiten und Trainingseffekte auf die Säuglingsentwicklung ab (Maietta, 1986).

Diese Dissertation untersuchte die Eltern-Kind-Interaktion innerhalb eines verhaltenskybernetischen Lernkontextes, bei dem Entwicklung als Familienunternehmen angesehen wurde. Maietta evaluierte ein Schulungsprogramm für Eltern, um die Interaktion mit der Familie und die Entwicklung des Kindes zu fördern. Die Intervention bezieht sich dabei auf den Austausch von Berührungsbewegungen zwischen Eltern und Säuglingen während gemeinsamer Aktivitäten. Eine Gruppe von 22 Elternteilen erhielt kurz vor der Geburt und in den ersten zwei Wochen postnatal ein Training zur Interaktion.

Nach der Entlassung wurden nach vier und sechs Wochen sowie nach zwei Monaten Beurteilungen durchgeführt, die ergaben, dass die Trainingseffekte positiv erlebt wurden, und zwar in folgenden Punkten: 1. Verhalten der Eltern, 2. Grad der Gegenseitigkeit bei der Eltern-Kind-Interaktion unter Verwendung der gegenseitigen Interaktionsskalen (Maietta, 1985), 3. offensichtliche Entwicklung des Säuglings gemäß dem Beobachtungsplan für Säuglingsverhalten (Munzik-Bruno, 1986 zitiert nach Maietta & Hatch, 2015) und 4. Elternvertrauen unter Verwendung von Elternvertrauensfragebögen (Davidson, 1979 zitiert nach Maietta & Hatch, 2015). Forschungen, auf die sich Maietta gestützt hatte, hatten die allgemeine Bedeutung von Berührungen und engem Kontakt für die Bindung und die Entwicklung von Säuglingen aufgezeigt. Diese Studie zeigte nun die Wirkung einer spezifischen Methode, um Neugeborene zu berühren. Die zentralen Konzepte der Methode sind Gegenseitigkeit und Social Tracking (soziales Folgen).

Social Tracking ist ein Forschungsbereich der Verhaltenskybernetik, der sich mit der experimentellen Analyse des menschlichen Verhaltens als selbstregulierten, in sich geschlossenen Kontrollprozess beschäftigt.

Tracking bedeutet Folgen. Die Kernbedeutung dieser Aussage ist, dass jeder Aspekt des Lebens durch Interaktionen entsteht und sich ein Leben lang weiterentwickelt.

Dem Social Tracking kommt im Gesundheitswesen und bei der Begleitung von Menschen eine besondere Bedeutung zu. In Studien wurde festgestellt, dass Menschen während einer Interaktion einander in Form von Bewegung folgen, am effektivsten durch direkten Körperkontakt/Berührung. So ergibt sich eine Abstimmung des Bewegungsablaufes – die Synchronisation der Bewegung (Smith, 1972 zitiert nach Maietta & Hatch, 2015).

Für Interaktionen und die Ressourcenförderung ist diese Erkenntnis eine wesentliche Grundlage, um den Prozess der Gesundheitsentwicklung und des Selbstständigwerdens und -bleibens zu beschreiten.

1975 lernten Maietta und Hatch einander in einer Klinik für Drogenentzug im Allgäu kennen. Beide erkannten, dass sie bei der Begleitung von Jugendlichen im Rahmen des Entwöhnungsprogramms ähnliche Ideen und Vorgehensweisen hatten. Ihrer beider Betonung lag schon in den 1970er-Jahren auf dem humanen und respektvollen Umgang mit Menschen. Berührung und Bewegung wurden dabei als wesentliches Kommunikations- und Interaktionsmittel genutzt. Dabei lag der Schwerpunkt auch auf der Verbesserung des Lernens durch die Bewegung.

Der Arbeitsmittelpunkt der beiden Forschenden lag in Europa; ihre Arbeit wurde über mehr als vier Jahrzehnte hinweg erfolgreich zu einem wertvollen Beitrag für Gesundheitsprofessionist*innen entwickelt.

Drei Menschen haben die Weiterentwicklung der Kinaesthetics von Maietta und Hatch nachhaltig geprägt: Karl U. Smith, Moshé Feldenkrais und Gregory Bateson.

Karl U. Smith (1907–1994) ist hierbei an erster Stelle zu nennen. Er war Hatchs und Maiettas Mentor und begleitete sie bei der Entwicklung eines praktischen Anwendungsfeldes der Verhaltenskybernetik. Das Ergebnis ist Kinaesthetics mit all ihrem Nutzen und ihrer Wirkung (Hatch & Maietta, 2014).

Unter Verhaltenskybernetik wird die Kontrolle und die Kommunikation lebender Systeme verstanden. Es folgt hier eine Aufzählung wissenschaftlicher Erkenntnisse und Themen der Verhaltenskybernetik, die nach wie vor die Basis von Kinaesthetics bilden:

1. Rückkoppelungssysteme im Körper wie Feedback

2. Control motor – die sensorische Regulierung von Verhalten

3. Untersuchungen über Social Tracking (Folgen und Lernen durch und mit anderen Menschen)

4. Selbstregulation

5. Motorische Kontrolle von Empfindung und Wahrnehmung sowie der Tracking-Prozess beim Rückkoppelungsverhalten

(Smith & Smith, 1982 zitiert nach Hatch & Maietta, 2014)

Moshé Feldenkrais (1904–1984) und die Kinaesthetics-Begründer*innen standen in stetigem Austausch miteinander. Feldenkrais war es, der Maietta und Hatch in der Entscheidung bestärkt hat, ein Lernsystem der Bewegung zu entwickeln, das es zudem vermag, die grundlegenden Prinzipien von Bewegung zu vermitteln.

Aus Gregory Batesons (1904–1980) Thesen stammt die Erkenntnis, dass ein Lernprozess u. a. darin besteht, Unterschiede zu erkennen und darauf zu reagieren. Bateson hatte großes Interesse an Maiettas Vorhaben, Eltern dabei behilflich zu sein, Handlungskompetenz zu erreichen, die eine gesunde Entwicklung des Kindes und der Familie auf der Basis von Bewegungsprozessen ermöglicht (Hatch & Maietta, 2014). Eines der primären Bildungsangebote waren Workshops in der Schweiz und in Deutschland, die unter dem Namen „Gentle Dance“ stattfanden. Hier wurden nach Aussagen der Begründer*innen die entspannte Qualität von Bewegung und das Bewegungslernen sowie ein Grundverständnis menschlicher Bewegung im Alltag kreativ angeboten.

Menschen mit unterschiedlichen Berufen nahmen an diesen Workshops teil, u. a. waren dies Pädagog*innen, Therapeut*innen und Pflegende. Den beiden Begründern war es ein Anliegen, mit einigen Teilnehmer*innen im Austausch zu bleiben, um etwas über die Integration bzw. Umsetzung in deren beruflichen Alltag bzw. über die Wirkung der Workshops zu erfahren. Mit diesem Wissen um den Bedarf und die Bedürfnisse von Menschen und mit Analysen in den jeweiligen Berufsfeldern nahm die Entwicklung ihren Lauf.

1980 wurde in Zürich der Verein für Kinästhetik gegründet. Als Diskussionsforum diente das vom Verein herausgegebene Kinästhetik-Bulletin. Zu dieser Zeit begannen Maietta und Hatch mit der Entwicklung des Touchin-Parenting-Programms, dem späteren Kinaesthetics Infant Handling. In einem Gespräch bei einer Tagung in Wien erzählte Maietta 2009, dass sie damals auf der Suche nach Literatur für Eltern war, um für die Bewegungsentwicklung und das Bewegungslernen für Kinder eine Unterstützung zu finden. Nachdem keine passende Literatur und Hilfestellung für das Handling mit Säuglingen, Kleinkindern und Kindern gefunden worden war und bereits einiges an Wissen über Kinaesthetics vorhanden war, lautete die logische Konsequenz der beiden, ein Programm für Eltern und Kinder zu entwickeln. Über viele Jahre hinweg boten sie Kurse über kreatives Lernen für Familien mit Kindern an.

Kreatives Lernen, ein weiteres Bildungsangebot von Maietta und Hatch, befasste sich mit der Bewegung als Grundlage für lebenslanges Lernen und lebenslange Gesundheitsentwicklung.

Die eigene Handlungskompetenz sollte damit bewusst gemacht und gestärkt werden. Bewegungsfähigkeiten, Körperbewusstsein, Kommunikation und Interaktion über Bewegung waren in Kursen über kreatives Lernen in den Mittelpunkt getreten.

1983 wurde von Maietta und Hatch im Krankenhaus Neumünster, Zollikerberg in der Schweiz, der erste Kurs für Kinästhetik in der Pflege gestaltet.

1990 endete die erste Trainer*innen-Weiterbildung in Kinästhetik für die Pflege in der Schweiz. Diese Ausbildung absolvierte als einzige deutsche Teilnehmerin die Mitbegründerin der Basalen Stimulation in der Pflege®, Dr.in Christel Bienstein. Sie war es, die über den Deutschen Berufsverband für Krankenpflege (DBfK) Kinästhetik in der Pflege in Deutschland forcierte.

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Foto 01: Maietta und Hatch 2016

1991–1993 fand die erste Trainer*innen-Weiterbildung für Kinästhetik in der Pflege in Deutschland (Essen) statt.

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Abb. 02: Logo – Kreatives Lernen

1994–1997 wurde im Olgahospital in Stuttgart mit überzeugter Unterstützung von Elfriede Zoller, Leiterin der Kinderkrankenpflegeschule, und Margret Goller, Pflegedienstleiterin vor Ort, die erste Kinästhetik-Infant-Handling-Trainer*innen-Weiterbildung angeboten.

Im Jahr 2000 wurde die erste Trainer*innen-Weiterbildung für Pflege in Österreich angeboten. In Wien, in der Schule für allgemeine Gesundheits- und Krankenpflege am Krankenhaus Hietzing mit neurologischem Zentrum Rosenhügel, konnte in Zusammenarbeit mit Schuldirektorin Brigitte Pinzker der Schulungsort mit nahe gelegener Praxismöglichkeit genutzt werden.

In diesen 43 Jahren konnten nicht zuletzt durch das Engagement vieler Beteiligter und aufgrund des hohen Bedarfs für die Gesundheitsberufe schätzungsweise mehr als 200.000 Pflegepersonen in Kinaesthetics geschult werden. Die Arbeit mit Kinaesthetics hat sich etabliert. Auch in Zukunft wird Kinaesthetics einen wesentlichen Stellenwert für die zu begleitenden Personen, Betreuenden, Pflegenden und zum Teil für Therapeut*innen und Ärzt*innen darstellen.

Im Laufe der Jahre haben sich mehrere Organisationen mit Maietta und Hatch zusammengeschlossen, die in unterschiedlicher Art und Weise Kinaesthetics anbieten, vom IfK – Institut für Kinästhetik bis hin zum EIHD – European Institute for Human Development. Alle Anbieter haben über die Jahre hinweg mit Maietta und Hatch zusammengearbeitet und ab einem bestimmten Zeitpunkt entschieden, eine eigene Kreation von Kinaesthetics anzubieten.

2006 wurde aufgrund dieser Tatsache sowie im Sinne des Markenschutzes für die von Maietta und Hatch entwickelte ursprüngliche Konzeption die Bezeichnung MH®Kinaesthetics – The Original eingeführt.

Diese begriffliche Klarstellung erfolgte auf ausdrücklichen Wunsch der Begründer*innen und macht für alle Interessierten ersichtlich, um welchen Kinaesthetics-Anbieter es sich handelt.

Die privaten Bildungseinrichtungen KMLH – Kinaesthetics Movement Learning Health in Deutschland und Österreich mit der MH®Kinaesthetics Suisse Association sind die einzigen Organisationen, die Maietta-Hatch Kinaesthetics – The Original lizensiert anbieten dürfen.

Bis November 2017 waren beide Begründer*innen dort begleitend vor Ort – begleitend im Sinne einer curricularen Bearbeitung sowie für Analysen und Synthesen von Bildungsinhalten in Aus-, Weiter- und Fortbildungen, ebenso in Pilotprojekten über das Verhalten in Organisationen, um Implementierungsprozesse mit MH®Kinaesthetics auf ihre Wirkung hin zu analysieren und zu reflektieren, in Form der aktiven Teilnahme an praktischen Assessments in Auszeichnungsprozessen u. v. m.

MH®Kinaesthetics – The Original hat sich in den letzten zwölf Jahren durch die Begründer*innen und das Team von KMLH mit der Weiterentwicklung von Menschen in unterschiedlichen Settings beschäftigt. Gesundheitsentwicklung ist der Schatz von MH®Kinaesthetics und ermöglicht in Kombination mit anderen Wissenschaften und Fachgebieten nachhaltige Wirkung in der Personal-, Team- und Organisationsentwicklung sowie in privaten und persönlichen Anwendungsfeldern. Die dabei notwendige Verhaltensänderung ist ein unabdingbarer Faktor. Dies stellt eine Herausforderung dar, ist jedoch für die Nachhaltigkeit von großer Bedeutung.

Dr.in Lenny Maietta starb am 31. Januar 2018. Bis kurz vor ihrem Tod waren ihr die Arbeit und das Weiterbestehen von KMLH ein großes Anliegen. Mit Dr. Frank Hatch und dem Team von KMLH wird das gemeinsame Lebenswerk im Sinne von Dr.in Lenny Maietta weitergeführt.

Die MH®Kinaesthetics-Bildungsangebote richten sich an alle interessierten Menschen, die sich beruflich oder privat mit ihrer Bewegung im Alltag auseinandersetzen möchten. Das Programm spricht Menschen an, die

in körperlich anstrengenden Berufen oder mit einseitigen Bewegungen/Belastungen tätig sind,

sich in angespannten und stressigen Kontexten befinden,

Unterstützung bei Schmerzen des Bewegungsapparates benötigen,

ein besseres Körperverständnis und eine verbesserte Wahrnehmung erfahren möchten.

Für Einzelpersonen, Gruppen, Bereiche, Organisationen und Träger*innen im Gesundheits- und Sozialbereich werden anwendungs- und praxisorientierte Kurse und Seminare angeboten. Die Programmangebote sind vielfältig. Es folgt eine gekürzte Darstellung:

Pflege/Betreuung von Menschen in der Gesundheits- und Krankenpflege, in der Kinderkrankenpflege (Infant Handling) und der Altenpflege

Pflege/Betreuung und Förderung von Menschen mit körperlichen und geistigen Beeinträchtigungen

Bewegungspädagogik/-therapie (Ergo- und Physiotherapeut*innen, Logopäd*innen, Gymnastik- und Sportlehrer*innen etc.)

Geburtshilfe

Rettungsdienst und Krankentransport

Funktionsbereiche wie OP, Ambulanz, Röntgen, Labor etc.

Kindergarten und Hort (Erzieher*innen, Pädagog*innen, Betreuer*innen)

Pflegende und betreuende Angehörige

Eltern und Kinder mit Handicap

Alltagsbewegung in jedem Alter (AbiA)

Tab. 01: Meilensteine, Entstehung von Kinaesthetics als Bildungskonzept

1974: Kinaesthetics wird von Dr. Frank W. Hatch erstmals so genannt.
1975: Zusammenschluss von Maietta und Hatch. Die Betonung liegt auf dem humanen und respektvollen Umgang mit Menschen. Berührung und Bewegung werdendabei als wesentlichstes Kommunikations- und Interaktionsmittel genutzt.
1976: Frank Hatch und Lenny Maietta beginnen in der Schweiz mit Workshopsunter dem Titel „Gentle Dance“. Dies war die Grundlage für das Programm „Kreatives Lernen“ mit der Bezeichnung Kinaesthetics.
1980: Der Verein für Kinästhetik in Zürich wird gegründet. Als Diskussionsforum dient das vom Verein für Kinästhetik herausgegebene „Kinästhetik-Bulletin“. Aus dem Touchfor Parenting entwickelt sich das Programm Kinaesthetics Infant Handling.
1983: Das Programm für die Pflege wird entwickelt. Der erste Kurs für Kinästhetikin der Pflege wird von Maietta und Hatch in der Schweiz gestaltet.
1990: Die erste Trainerausbildung für die Pflege endet in der Schweiz.
1991–1993: Die erste Trainer*innen-Ausbildung Kinästhetik für die Pflege findet inDeutschland statt.
1993–1995: Erstes Kinästhetik-Projekt in einem Krankenhaus. Alle Mitarbeiter*innen in der Pflege und der Kinderkrankenpflege sowie pflegende Angehörige werden geschult (Deutschland).
1994–1997: In Stuttgart wird die erste Kinästhetik-Infant-Handling-Trainer*innen-Ausbildung angeboten.
2000: Die erste Trainerausbildung für die Pflege in Österreich findet statt.
2002: Gründung des European Institute for Human Development (EIHD) mit Sitzin Österreich.
2005: Aufbau des Kinaesthetics-Anwenderprogramms in Japan.
2006: Markenschutz – die Bezeichnung MH®Kinaesthetics – The Original wirdeingeführt. Erste MH®Kinaesthetics-Auszeichnung in Europa.
2009: Start der ersten MH®Kinaesthetics-Trainer*innen-Ausbildung für die Pflege inJapan.
2012: Der Studiengang „Bewegungsbasierte Altersarbeit – Mobilität, Selbstständigkeit und Lebensqualität bis ins hohe Alter fördern“ findet in der Schweiz statt.
2013–2014: Die MH®Kinaesthetics-Länderorganisationen (KMLH) in Deutschland und Österreich sowie in Italien erhalten erstmalig das Qualitätssiegel von LQW – Lernorientierte Qualität in der Weiterbildung und von Ö-Cert.
2016: Gesundheitsentwicklung durch effektive Bewegung: MH®Kinaesthetics-Implementierungsprozesse sind eine etablierte und anerkannte Maßnahme in Organisationen. Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass Maietta und Hatch kleinere Projektein New Mexico und Mexiko gestaltet haben.

1.2 Die inhaltliche Veränderung von MH®Kinaesthetics/Kinaesthetics seit 1980

Kinaesthetics hat sich ausgehend von den Dissertationen der Begründer*innen stetig weiterentwickelt (siehe Abbildung 3).

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Abb. 03: Entwicklungsschritte

Diese Weiterentwicklung von MH®Kinaesthetics – The Original hat sich aufgrund mehrerer Faktoren ergeben, z. B. infolge

des Bedarfs

der Bedürfnisse von Menschen

der gesellschaftlichen Entwicklungen

der Veränderungen in Organisationen

des Verhaltens der Menschen in den jeweiligen Settings

MH®Kinaesthetics für Gesundheitsberufe hat sich

von der körper- und rückenschonenden Arbeitsweise

hin zum Gesundheitsprogramm und

weiter zum Bildungs- oder Lernsystem und von da

wiederum weiter zum Gesundheitsentwicklungsprogramm „ Life-Span Health Development and Learning/Gesundheitsentwicklung über die gesamte Lebensspanne hinweg“ von der Geburt bis zum Tod durch Bewegungslernen verändert.

Oft wird Kritik laut, dass es in der Literatur unterschiedliche Interpretationen von Kinaesthetics oder verschiedene Definitionen davon gibt. Das ist eine korrekte Beobachtung der Kritiker*innen. Selbst Maietta und Hatch verwenden unterschiedliche Formulierungen, der Kern der Aussagen bleibt jedoch derselbe.

Grundlagenwissen stellt die Basis dar: Die agierenden Personen werden geschult, um das passende Tun und Handeln für sich selbst im Alltag zu erfahren. Diese eigene, individuelle Bewegungserfahrung bietet Möglichkeit und Raum für unterschiedliche Interpretation. Zudem entstanden differenzierte Auslegungen aufgrund verschiedener Gruppierungen in unterschiedlichen Ländern. Daran wird deutlich, dass durch die Weiterentwicklung und Interpretation anderer ohne die Perspektive der Begründer*innen keine einheitliche Definition entstehen kann.

Tatsache ist jedoch, dass ein respektvoller und humaner Umgang mit Menschen nach wie vor das grundlegende Menschenbild von Kinaesthetics darstellt. Maietta und Hatch bezeichnen folgende Faktoren als maßgeblich:

Gesundheitsentwicklung für alle Beteiligten

Selbstkompetenz

Lernen, auf sich zu achten

im direkten Tun und Handeln Fähigkeiten entwickeln

für die eigene Bewegung sensibel werden

die eigene Bewegung anpassen und gegebenenfalls verändern können – für sich selbst, in der Interaktion mit anderen Menschen oder beim Bewegen von Gegenständen (Hatch, 2016)

Das Kernangebot von MH®Kinaesthetics unterstützt Menschen dabei, ihre Alltagsbewegung bewusst wahrnehmen zu können, um täglich mehr auf sich zu achten.

Dies erfolgt im Sinne von Gesundheitsentwicklung, von Lernen und von Steigerung der Lebens- bzw. Arbeitsqualität. Einerseits gilt es, sich in der Schwerkraft effektiver zu bewegen, d.h. das Gewicht des eigenen Körpers zu bewegen bzw. das Gewicht des eigenen Körpers und zusätzlich das Gewicht anderer Menschen in der Schwerkraft effektiver zu bewegen. Andererseits gilt es, das Gewicht des eigenen Körpers mit dem zusätzlichen Gewicht von Gegenständen in der Schwerkraft effektiv zu bewegen. MH®Kinaesthetics bietet wirkungsvolle Werkzeuge an, damit Menschen ihren Lebens- und Arbeitsalltag gesundheits- und lernfördernd gestalten können.

Das Kernangebot ist eine grundlegende Zusammenfassung, um erfahrbar zu machen, welchen praktischen Nutzen und welche Wirkung die eigene effektive Bewegung im Lebens- und Berufsalltag haben kann. Es trägt dazu bei, Gesundheitsentwicklung für sich selbst zu gestalten und hilft, selbstständig zu bleiben (Steinmetz-Ehrt, 2020).

Die Abbildung 04 zeigt drei Kategorien, nach denen sich Menschen grundlegend im Lebens- und Berufsalltag bewegen:

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Abb. 04: Kernangebot

LERNVIDEO

Kernangebot: Meine eigene Bewegung im Lebensalltag.
Dieses Lernvideo macht Ihnen bewusst, dass Sie sich im Alltag gegen die oder mit der Schwerkraft bewegen können. Dies äußert sich in der körperlichen Anstrengung.
Ein Mensch bewegt das eigene Gewicht mit der Schwerkraft, im Gleichgewicht, von A nach B bei Fortbewegungsaktivitäten oder bei Bewegung-am-Ort-Aktivitäten (wie z. B. sitzen und schreiben oder stehen und kochen) in die gewünschte Zielrichtung.

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https://vimeo.com/659597198

LERNVIDEO

Kernangebot: Meine eigene Bewegung im Lebensalltag, wenn ich Gegenstände bewege.
Dieses Lernvideo macht Ihnen bewusst, dass Sie Gegenstände im Lebens- und Berufsalltag gegen die oder mit der Schwerkraft bewegen können. Dies äußert sich in der körperlichen Anstrengung.
Ein Mensch bewegt das eigene Gewicht und das Gewicht eines Gegenstandes mit der Schwerkraft, im Gleichgewicht, von A nach B bei Fortbewegungsaktivitäten oder bei Bewegung-am-Ort-Aktivitäten in die gewünschte Zielrichtung

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https://vimeo.com/659600067

LERNVIDEO

Kernangebot: Meine eigene Bewegung im Lebensalltag, wenn ich mich mit Menschen bewege.
Dieses Lernvideo macht Ihnen bewusst, dass Sie sich mit anderen Menschen im Lebens- und Berufsalltag gegen oder mit der Schwerkraft bewegen können. Dies äußert sich in der körperlichen Anstrengung und in der Qualität der Interaktion.
Ein Mensch bewegt das eigene Gewicht und das Gewicht eines anderen Menschen mit der Schwerkraft, im Gleichgewicht, in die gemeinsame oder allein definierte Zielrichtung. Hier gibt es Kriterien zur Bewegung im Lebens- und Berufsalltag, um die körperliche Belastung zu verringern.

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https://vimeo.com/659600773

Eine Erklärung und Anleitung zur Selbstevaluierung mittels Kernangebot

Für die oben genannten drei Kategorien gelten Kriterien im Kontext der Fortbewegungsaktivitäten oder Bewegung-am-Ort-Aktivitäten von Menschen, unabhängig von Größe, Gewicht, Alter und Beruf, die selbst überprüft werden können.

Die eigene Position überprüfen: Primär wird auf die eigene Position geachtet. Diese wird kontrolliert und darauf aufgepasst, dass sie agil ist und effektives Bewegen schon vor dem Ausführen der gewünschten Tätigkeit gegeben ist.

Mit der Schwerkraft oder gegen die Schwerkraft bewegen: Sich mit der Schwerkraft zu bewegen ist daran erkennbar, dass die Muskelanstrengung zu bewältigen ist und weiterhin die Möglichkeit besteht, ausreichend zu atmen und zu sprechen.

Gegen die Schwerkraft zu bewegen ist gleichzusetzen mit hebenden Tätigkeiten, die vermehrt Muskelkraft beanspruchen und das Sprechen oder Atmen beeinflussen.

Einzelne Körperteile oder bewusst den gesamten Körper bewegen: Zu überprüfen ist hierbei, ob bei allen Aktivitäten des täglichen Lebens der gesamte Körper so bewegt wird, dass es zu weniger Kraftaufwand und zum Vermeiden von monotonen Bewegungsmustern kommt, da so Verspannungen oder Verletzungen verringert werden können und kräfte- und rückenschonend gewirkt wird (Sedlak-Emperer, 2012).

Festhalten von Gegenständen oder Körperteilen: Werden Gegenstände oder Körperteile festgehalten, steigen die Muskelspannung und der Kraftaufwand im Körper aller Beteiligten. Die Folge ist eine verringerte Bewegungsmöglichkeit des Körpers oder mancher Körperteile. Somit wird bereits vor dem Ausführen von Aktivitäten mehr Kraftaufwand eingesetzt als notwendig. Beim Bewegen von Gegenständen kann jeder Mensch die Art und Weise des Ablaufs und des Kraftaufwands selbst bestimmen. Beim Bewegen mit anderen Menschen soll überprüft werden, welche Interaktionsform gewählt wird. Die einseitige Interaktionsform ist das Übernehmen von Tätigkeiten, wobei die zweite Person dabei keinen aktiven Part spielt. Bei der gleichzeitig-gemeinsamen-Interaktionsform können beide ihre Kraft einsetzen und zeitlich abstimmen, sodass die Bewegungen in die Zielrichtung gleichzeitig erfolgen und angepasst werden können (Maietta & Hatch, 2018).

Körpernah statt körperfern agieren, wenn Gegenstände oder andere Menschen bewegt werden. Der Kraftaufwand ist erfahrbar geringer, wenn das Gewicht von Gegenständen oder anderen Menschen näher am Körper transportiert wird (Steinmetz-Ehrt, 2020).

Die Kontaktstellen des Körpers beim Berühren und Bewegen von Menschen beachten: Die knöchernen Strukturen eines Körpers haben die Eigenschaften, hart und stabil zu sein und die Aufgabe, das Gewicht des jeweiligen Körperteils an die Unterstützungs- oder Auflagefläche abzuleiten. Die Muskulatur hat hingegen die Eigenschaft, weich und formbar zu sein und die Aufgabe, die Knochen bzw. Körperteile zu bewegen. Folglich sollten Menschen an den Knochen und nicht direkt an der Muskulatur zur Bewegung angeleitet und begleitet werden (Maietta & Hatch, 2018).

Der Mensch bewegt sein eigenes Körpergewicht ständig in der Schwerkraft. Er kontrolliert, steuert und organisiert es in verschiedenen Positionen wie dem Stehen, dem Sitzen oder dem Liegen – sowohl unbewusst als auch bewusst. Dazu nutzt er kontinuierlich die eigene Muskulatur (Maietta und Hatch, 2018).

Die Art und Weise, wie Menschen sich im Lebens- und Berufsalltag bewegen, hat einen positiven oder negativen Einfluss auf die eigene Gesundheit und fördert oder hemmt die Selbstständigkeit eines Menschen (Hatch & Maietta, 2010).

Die so entstehende höhere Bewegungsqualität und Bewegungssensibilität wirkt sich positiv und nachhaltig auf die Gesundheitsentwicklung, auf das Bewegungslernen sowie auf alle Lern- und Denkprozesse aus. Vor allem im Gesundheitswesen hat sich Kinaesthetics seit Jahren etabliert.

Erkenntnisse und Grundlagen aus der Verhaltenskybernetik, der Medizin, der Physik und den Neurowissenschaften bilden den wissenschaftlichen Bezugsrahmen dieses Interaktions- und Lernsystems, in dem die Wahrnehmung der eigenen Bewegung als zentraler Weg zur ganzheitlichen Gesundheitsförderung betrachtet wird (Steinmetz-Ehrt, 2017).

Praktischer Nutzen, eine positive Wirkung für alle Beteiligten und die erwartete Nachhaltigkeit in Organisationen und im privaten Bereich stehen im Vordergrund.

MH®Kinaesthetics wird als Werkzeug genutzt und in den Berufs- und Lebensalltag integriert, damit sich eine leichtere, effektivere und gesundheitsfördernde Bewegungsmöglichkeit ergibt. Dies lässt sich aufgrund von Aussagen und Ergebnissen verschiedener Evaluierungsmethoden in Implementierungsprozessen oder von Einzelpersonen darstellen.

1.3 MH®Kinaesthetics/Kinaesthetics in Österreich

Im Jahr 2000 startete aufgrund der großen Nachfrage die erste interdisziplinäre Grundkurs-Trainerausbildung in Wien, in der Schule für allgemeine Gesundheits- und Krankenpflege am KH Hietzing. Die Trainerausbildung, damals Stufe 1 und anschließend Stufe 2 genannt, wurde von Maietta und Hatch selbst mit einem Dozent*innen-Team gestaltet und dauerte bis März 2003. Pflegende und Therapeut*innen aus Deutschland, der Schweiz und Österreich nahmen daran teil. Maietta und Hatch selbst waren vor dem Jahr 2000 vereinzelt zu Tagungen oder Vorträgen in Österreich gewesen.

Durch engagierte Führungspersonen in der Pflege wurden Schulungen in unterschiedlichen Fachbereichen – innerhalb der Pflege und zum Teil auch für Therapeut*innen – bereits ab 1995 organisiert und umgesetzt. Hierfür wurden Trainer*innen aus Deutschland oder der Schweiz beauftragt. In den 1990er-Jahren absolvierten drei Österreicherinnen die Ausbildung zur Kinaesthetics-/Kinästhetik-Trainerin in Deutschland.

Der Schwerpunkt lag zu dieser Zeit auf der Schulung der Pflegenden, der Betreuer*innen oder Therapeut*innen und auf der Ressourcenförderung der Patient*innen, Klient*innen und Bewohner*innen. Nach den Kursen versuchten die Teilnehmer*innen, das Erlernte in den Praxisalltag umzusetzen bzw. es im eigenen Berufsfeld anzuwenden. Die Integration in den täglichen Arbeitsablauf und die damit notwendige Verhaltensänderung in der Alltagsbewegung war vereinzelt und individuell in Ansätzen gegeben, jedoch nicht flächendeckend und nicht wirkungsvoll in Teams oder Organisationen möglich. Die erhoffte nachhaltige Wirkung nach den Schulungen blieb weitgehend aus.

Erst ab 2003 wurden aufgrund von Erfahrungen in Deutschland weitere Expertisen im Kontext der Implementierungsprozesse miteinbezogen. Nach der Schließung des European Institut for Human Development (EIHD), der ehemals europäischen Organisation für Kinaesthetics, kam es beginnend mit 2005 und letztendlich 2006 zur Neuorientierung. Die Weiterentwicklung im Bereich des Managements, des Controllings und der curricularen Arbeit konnte forciert und gezielt beschrieben werden. Erfolgsfaktoren für gelingende Implementierungsprozesse wurden aufgrund von Analysen, Erfahrungswerten und u. a. durch die Integration anderer Fachbereiche und Wissenschaften definiert und gelebt. Dies gelang durch die Geschäftsführenden der MH®Kinaesthetics-Länderorganisationen in Deutschland und Österreich, Kinaesthetics Movement Learning Health GmbH (KMLH GmbH) und das Akademiezentrum Schloss Hollenegg, seit 2014 umbenannt in KMLH AT/IT KG.

Als Beispiel für einen gelingenden Implementierungsprozess kann beginnend mit einem Projekt an der Steiermärkischen Krankenanstaltengesellschaft das LKH Hörgas-Enzenbach in der Steiermark genannt werden. Auf die Initiative von Frau Mag.a Dr.in Monika Hoffberger, ehemalige Abteilungsleiterin der OE Pflege/Zentraldirektion, wurde im Auftrag des Vorstandes und unter Zustimmung der Anstaltsleitung LKH Hörgas-Enzenbach das Pilotprojekt Gesundheitsentwicklung im Landes-Krankenhaus Hörgas für alle Berufsgruppen durchgeführt. 131 Mitarbeiter*innen der professionellen Gesundheits- und Krankenpflege arbeiteten 13 Monate lang daran, mit dem Ergebnis, dass innerhalb der Steiermärkischen Krankenanstaltengesellschaft weitere Implementierungsprozesse gestaltet und Trainer*innen für die Landeskrankenhäuser ausgebildet werden sollten. Eine detaillierte Darstellung der Ergebnisse erfolgt in Kapitel 9 ( S. 185).

Das LKH Hörgas-Enzenbach beschritt nach dem Projekt den Weg des Auszeichnungsprozesses und befindet sich derzeit im Re-Auszeichnungsprozess.

In Österreich selbst sind hauptsächlich zwei Kinaesthetics-Anbieter vertreten. Weitere kleinere Organisationen und deren Trainer*innen sowie Einzelpersonen bieten ebenfalls Kinaesthetics an. Die Varianten sind vielfältig: Es handelt sich um Lehrende, Betreuende, Pflegende, Therapeut*innen, Ärzt*innen oder Privatpersonen, die sich in Form von Literatur und/oder durch die Teilnahme an Grund- oder Aufbaukursen Wissen angeeignet haben und Kinaesthetics in Form von Vorträgen, Workshops, in Lehrveranstaltungen oder anderen Settings anbieten, aber auch um namhafte Trainer*innen, die privat oder/und in Implementierungsprozessen Qualitätsarbeit leisten. Ungefähr 100 Zertifizierte MH®Kinaesthetics-Trainer*innen und ca. 900 Zertifizierte Anwender*innen bzw. Multiplikator*innen sind berechtigt, das Wissen von MH®Kinaesthetics – The Original anzubieten. Laufende Fort- und Weiterbildungen sichern die Bildungsqualität und bringen so die aktuellsten Erkenntnisse ins österreichische Gesundheits- und Bildungswesen sowie in private Bereiche ein.

Kinaesthetics ist kein geistiges Eigentum, sondern wird als öffentliches Wissen genutzt.

Solange die Quellen bzw. Literatur korrekt angegeben und verwendet werden, kann Kinaesthetics ohne Einschränkungen genutzt werden. Natürlich werden Wort- und Bildmarken geschützt, doch es gibt immer wieder kreative Menschen, die aus dem Ursprünglichen etwas Anderes, etwas Eigenes gestalten möchten und manchmal vergessen, die Herkunft ihres Wissens, die Quelle zu nennen.

Individuelle Weiterentwicklung ist legitim, solange der Respekt vor dem geistigen Gut von Dr.in Lenny Maietta und Dr. Frank Hatch und der Umgang mit diesem Wissen bestehen bleibt. Das Menschenbild, welches durch die beiden geprägt wurde und wird, sollte weiterhin erhalten bleiben und verpflichtend genannt und gelebt werden.

Aufgrund der Einstellungen und Haltungen von Menschen und aufgrund der unterschiedlichen Kinaesthetics-Bildungsangebote, die in Österreich und anderen mitteleuropäischen Ländern existieren, darf darauf vertraut werden, dass sich Menschen für eine Zusammenarbeit finden lassen.

Jeder Mensch kann entscheiden, welches Kinaesthetics-Angebot für ihn passend und wirkungsvoll ist und mit welcher Qualität der „Kinaesthetics-Weg“ beschritten werden soll; als Privatperson oder in einer Position und Funktion innerhalb einer Organisation.

In diesem Buch werden die Inhalte und Vorgehensweisen von MH®Kinaesthetics – The Original mit den Länderorganisationen KMLH beschrieben.

2 MH®Kinaesthetics als Bildungsangebot

Die curriculare Entwicklung für Kurse, Seminare, Aus-, Weiter- und Fortbildungen für Trainer*innen und Multiplikator*innen ist im Laufe der Jahre mit unterschiedlichen Menschen und zugleich Kinaesthetics-Expert*innen bearbeitet worden. Die Basis und den Rahmen dafür haben immer Maietta und Hatch gelegt.

Wesentlich dabei ist, dass die Erstellung der Curricula immer an die Bedürfnisse und den Bedarf der Berufssparte oder an die Individuen angepasst wird.

In den letzten Jahren wurde die curriculare Arbeit ganz bewusst mehr nach Deutschland, zu den Geschäftsführenden der KMLH hin, verlegt. Das hat damit zu tun, dass Maietta und Hatch aufgrund des Alters langsam an ihren Rückzug dachten und alle operativen Tätigkeiten sowie ihr gesamtes Wissen und alle zur Verfügung stehenden Materialien an die Organisationen in Deutschland und Österreich übergaben, sodass gesichert wurde, dass ihr Lebenswerk in ihrer Absicht weitergeführt und weiterentwickelt werden kann.

In den Kapiteln 2.1 und 2.2 findet sich eine Originalbeschreibung des Lernmodells und des MH®Kinaesthetics-Bildungssystems. Die Inhalte entsprechen den aktuellen Schulungsunterlagen von MH®Kinaesthetics – The Original.

2.1 Das MH®Kinaesthetics-Bildungssystem

Das MH®Kinaesthetics-Bildungssystem ist ein Angebot, das sich an alle Menschen richtet, die ihre Lernfähigkeit, ihre Gesundheit und ihre Effektivität verbessern möchten.

In den MH®Kinaesthetics-Bildungsmaßnahmen wird praktisches Verständnis vermittelt, um die Bewegung, aus der alle Aktivitäten des menschlichen Lebens bestehen, zu verstehen, sie auszuführen und anzupassen. Der erste Schritt dabei ist, auf die eigenen Bewegungen zu achten.

Das Ziel, die Absicht, die hinter einer Aktivität steht, und der Weg, wie dieses Ziel zu erreichen ist, werden zuerst festgelegt, unabhängig von der Bewegung. Das MH®Kinaesthetics-Bildungssystem basiert auf dem Grundgedanken „moveo ergo sum“ – „ich bewege mich, also bin ich“. Damit beginnt das Lernen mit dem direkten Tun, d. h. mit Bewegung. Jeder Mensch lernt, allein und für sich. Das Ziel ist bekannt, aber der Weg und die Schritte, um es zu erreichen, erfolgen unmittelbar. „Cogito ergo sum“ – „Ich denke, also bin ich“ (Descartes) heißt: Die Bedeutung der Aktivität und die Erfahrung werden auf das Tun hin geordnet.

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Abb. 05: MH®Kinaesthetics-Bildungssystem

2.2 MH®Kinaesthetics-Lernmodell und -Leitbild

Das Leitbild für MH®Kinaesthetics-Angebote lautet wie folgt:

Das MH®Kinaesthetics-Bildungssystems lässt sich anhand von drei Ebenen beschreiben:

2.2.1 Das MH®Kinaesthetics-Bildungssystem: Die oberste Ebene

Die oberste Ebene beinhaltet die Elemente über Annahmen und Absichten eines Menschen sowie sein Menschenbild.

Jeder Mensch gestaltet die Tätigkeiten seines Lebens – sein Lernen und seine Gesundheit – von innen, durch die eigene Bewegung. Dazu nutzt er die Angebote seines Umfeldes. Als tätigkeitsorientiertes Wesen findet er in seinem alltäglichen Tun Bedeutung und Lebensqualität. Darum achten wir auf die eigene Bewegung – oder anders ausgedrückt: Die Person selbst achtet darauf, wie sie sich bewegt.

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Abb. 06: MH®Kinaesthetics-Menschenbild

„Wir unterstützen Menschen dabei, die verschiedenen Aspekte ihres Lebens von innen durch die eigene Bewegung bewusst zu gestalten und eine Bewegungskomponente zu erarbeiten, damit sie ihr Leben, das Lernen, die Gesundheit und die Produktivität/Effektivität lebenslang und positiv beeinflussen.“ (Hatch, Maietta, 2009, S. 9)

2.2.2 Das MH®Kinaesthetics-Bildungssystem: Die mittlere Ebene

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Abb. 07: MH®Kinaesthetics-Konzeptsystem

Die mittlere Ebene umfasst die methodischen Elemente.

Das Konzeptsystem ist ein erfahrungsbezogenes Analyse- und Dokumentationsinstrument. Anhand jedes Konzeptes erfahren wir die Eigenschaften und Möglichkeiten der eigenen Bewegung, die wir einsetzen können, um die verschiedenen Aktivitäten unseres Lebens auszuführen. Basierend auf dem Verständnis „Ich bewege mich, also bin ich“ können Konzepte individuell eingesetzt werden, um auf die Lebens-, Lern-, Gesundheits- und Arbeitsaktivitäten, die unser Leben gestalten, zu achten. Ebenso lernen wir, aus verschiedenen Bewegungsperspektiven auf die gleichen Aktivitäten auch bei jenen Menschen zu achten, die es zu unterstützen gilt.

MH®Kinaesthetics-Lernmodell/-Lernzyklus

Basierend auf dem Verständnis des „Ich bewege mich, also bin ich“ beschreibt das Lernmodell, wie einzelne Elemente in einem Lernprozess mit sich selbst, mit einzelnen Personen oder mit Gruppen von Menschen systematisch genutzt werden können.

Ein Lernzyklus umfasst meistens vier Schritte:

Schritt 1: die Referenzaktivität (A1) wird durchgeführt und dokumentiert

Schritt 2: die eigene Bewegung wird anhand eines Kinaesthetics-Konzepts erfahren, reflektiert und dokumentiert. Die Bezeichnung dafür lautet Lernaktivität

Schritt 3: eine Integrationsaktivität wird durchgeführt, um das neue Bewegungsverständnis in die persönliche Art, sich zu bewegen, zu integrieren

Schritt 4: die Referenzaktivität wird nochmals durchgeführt (A2), analysiert und anhand der neuen oder erweiterten Bewegungs- und Handlungsfähigkeit und mithilfe des Konzeptverständnisses angepasst.

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Abb. 08: MH®Kinaesthetics-Lernmodell/-Lernzyklus

2.2.3 Das MH®Kinaesthetics-Bildungssystem: Die Basisebene

Die Basisebene beinhaltet die wissenschaftlichen Grundlagen (Feedback Control Theory).

Die Feedback Control Theory (Rückmeldungs-Kontroll-Theorie aus der Sicht der Verhaltenskybernetik) erklärt, wie ein Mensch als biologisches System und als tätigkeitsorientiertes Wesen sein Verhalten – und dadurch seine Gesundheit, das Lernen und die Produktivität – von innen über die eigene Bewegung steuert.

Der Ablauf des Verhaltens bei der Feedback-Kontrolle gestaltet sich folgendermaßen:

In Echtzeit bewegt ein Mensch sein Gewicht beim Tun, d. h. bei der Durchführung von spezifischen Aktivitäten, gegen die Schwerkraft. Alle Sinnessysteme registrieren den Effekt dieser Bewegung. Das Ergebnis der Bewegung wird „tief“ im zentralen Nervensystem auf einer physiologischen Ebene geordnet und mit der Effektivität der Bewegung in der Aktivität verglichen. Fehler werden in Echtzeit und ständig in die weiteren Bewegungen der Aktivität integriert. Die Abweichung steuert die weitere Bewegung in der Aktivität bis zu deren Ende (siehe Abb. 09).

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Abb. 09: Feedback Control Theory

Das bedeutet, jeder Mensch steuert das eigene Verhalten, indem Bewegungsfehler kontinuierlich und ständig während einer Aktivität korrigiert werden. Fehler sind nicht zu vermeiden, sie sind gut, sogar notwendig. Sie ermöglichen Problemlösungen und Kreativität.

3 Das KMLH-Rückmeldemodell® in Implementierungs- oder Auszeichnungsprozessen

Das KMLH-Rückmeldemodell® dient als Kommunikations- und Interaktionsmodell für zieldienliche, nutzbringende sowie wirksame Implementierungsprozesse. Seit zehn Jahren wird das KMLH-Rückmeldemodell® von den Geschäftsführenden der KMLH Gesellschaften in Organisationen angewandt. Seit dem Ersteinsatz des Modells vor knapp zehn Jahren gibt es positive Erfahrungswerte und Rückmeldungen zur Anwendung. Eine Untersuchung des Modells wurde erstmals 2021 durchgeführt und ist in Kapitel 9 (S. 185) zu finden.

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Abb. 10: KMLH-Rückmeldemodell®, © Steinmetz-Ehrt, 2017

3.1Die Entwicklung

Die Entwicklung des KMLH-Rückmeldemodells® basiert auf dem Verständnis der wissenschaftlichen Grundlagen der Begründer*innen Hatch und Maietta, auf den Grundlagen aus der hypno-systemischen Organisations- und Teamentwicklung sowie aus dem Qualitätsmanagement. Steinmetz-Ehrt, eine der Geschäftsführerinnen der KMLH GmbH Deutschland, hat auf dem Fundament des Grundlagenwissens das Modell entwickelt.

Jahrelange Erfahrungen der KMLH-Geschäftsführerinnen in Implementierungsprozessen, die Rückmeldungen und Berichte von Kinaesthetics Anwender*innen, Trainer*innen, Referent*innen und Führungspersonen sind in die Entwicklung miteingeflossen und wurden (auf Basis der Rückmeldung) integriert. Das KMLH-Rückmeldemodell® ist eine Struktur, die zur Selbsteinschätzung eines MH®Kinaesthetics Bildungsprozesses in einer Organisation oder einem Bereich sowie in verschiedenen Settings einfach, praktisch und zieldienlich genutzt werden kann (Steinmetz-Ehrt, 2018).

Die Klarheit über die (1) Positionen, (2) Funktionen und (3) Rollen nach Seliger (2013) ist dabei grundlegend und wird wie folgt definiert:

Positionen beschreiben den formalen Platz in der Organisation (Organigramm).

Funktionen beschreiben den Zweck und die inhaltlichen Aufgaben, die mit der Position verbunden sind.

Rollen beschreiben das gewünschte Verhalten in der Position und Funktion (Seliger, 2013).

3.2Die Anwendung des KMLH-Rückmeldemodells®

Aufgrund der bisherigen Rückmeldungen und Erfahrungen, sowie der Ergebnisse der Befragung, ermöglicht es das KMLH-Rückmeldemodell® den Anwender*innen, den Bildungsprozess auf der Metaebene spezifisch und systematisch zu reflektieren. Bisherige Anwender*innen sind z. B. Trainer*innen, Führungspersonen oder Geschäftsführende.

Folgendes wurde für die Umsetzung definiert:

Anwender*innen erarbeiten bei einem beginnenden oder laufenden Bildungsprozess eine Standortbestimmung, um Schritt für Schritt nutzbringende Maßnahmen festzulegen.

Anwender*innen erhalten das KMLH-Rückmeldemodell® als ein Werkzeug, das sie im Rahmen einer Lenkungsgruppe, eines Meilensteinmeetings oder bei Besprechungen einsetzen können.

Das Erweitern der eigenen methodischen Kompetenz wird ermöglicht, um aus einer „Metaebene“ zu reflektieren.

Das Einbeziehen aller am Implementierungsprozess Beteiligten, mit unterschiedlichen Positionen, Funktionen und Aufgaben, wird ermöglicht, um einen Gesamtüberblick zu erhalten.

Das KMLH-Rückmeldemodell® ermöglicht es, dass Anwender*innen den Kompetenzzuwachs der Umsetzung und Weiterentwicklung sichtbar machen.

Anwender*innen nutzen das Modell als Werkzeug, um die interne Kompetenz von Beginn an zu sichern und weiterzuentwickeln, um so eine organisationale Wirkung zu erreichen.

Das Modell ermöglicht es, dass alle Beteiligten in ihren jeweiligen Positionen, Funktionen und Rollen Prozesseigentümer*innen sind. D.h. die Verantwortung liegt nicht bei einer Person, z.B. dem/der Trainer*in. Dies gewährleistet, dass der Prozess weiterläuft, auch wenn ein/e verantwortliche/r Beteiligte*r aus dem Unternehmen ausscheidet.

Das interaktive Wechselspiel orientiert sich an der Absicht, generiert Informationen und Wissen auf allen Ebenen und legt damit eine Grundlage für kreative Ideenentwicklung und „bodenständige“ Maßnahmen unter Berücksichtigung der jetzigen organisationalen Bedingungen. Die Menschen in ihrer jeweiligen Position, Rolle und Funktion (Aufgaben) sowie ihre individuellen Fähigkeiten und Talente bewegen die Integration in die Praxis, damit Wirkung entsteht.

3.3Die Beschreibung des KMLH-Rückmeldemodells®

Die Absicht ist das interne gewünschte Ergebnis der Organisation bzw. eines Bereichs. Die Absicht wird von den verantwortlichen Führungspersonen der Organisation erstellt. Die/der verantwortliche Trainer*in kann jederzeit als Unterstützung hinzugezogen werden. Die Absicht oder auch die Ziele bilden den Bezugsrahmen im gesamten Qualifizierungs-, Integrations- und Steuerungsprozess. Alle Beteiligten reflektieren ihr Handeln in ihrer Position, Funktion und Rolle und passen es in Richtung der Absicht an. Die gemeinsame Reflexion der Wirkung und des Nutzens im Tun fördert die Zusammenarbeit und die Weiterentwicklung auf allen Ebenen in der Organisation, in einem Bereich oder in einer Abteilung (Steinmetz-Ehrt, 2018).

Im äußeren Kreis sind Erfolgsfaktoren/Blickpunkte genannt, die eine gelingende Umsetzung in der Praxis mit Absicht unterstützen.

Die Qualifizierung gelingt durch Kurse, Seminare, Workshops und Praxisbegleitungen.

Im inneren Kreis sind die dafür verantwortlichen Menschen in ihrer jeweiligen Position, Rolle und Funktion beschrieben.

Beteiligte Personen und deren Aufgaben sind:

Die/der MH®Kinaesthetics-Trainer*in schult Mitarbeiter*innen mit Grundkursen (3 Tage + Praxisbegleitung), Aufbaukursen (3–4 Tage + Praxisbegleitung) und/oder Zertifizierungskursen (10 Tage + Praxisbegleitungen), je nach Bildungsgrad.

Die/der MH®Kinaesthetics zertifizierte Anwender*in ist Mitarbeiter*in im Team mit Zusatzqualifikation, um Workshops und Praxisbegleitungen in den Teams zu gestalten.

Beteiligt sind weiters geschulte Mitarbeiter*innen mit einem Grundkurs und Aufbaukurs, ebenso wie

Führungspersonen oder Personen im Management wie Geschäftsführung, Direktion, oberes und mittleres Management und

externe Berater*innen der KMLH-Gesellschaften Deutschland und Österreich.

3.3.1 Beschreibung der Qualifizierung und Praxisbegleitung

Verantwortlich sind interne oder externe Trainer*innen und interne, zertifizierte Anwender*innen.

Eine wertschätzende, wertfreie und ressourcenorientierte Kommunikation, Zusammenarbeit, fachliche Begleitung und Unterstützung aller Beteiligten auf der Grundlage von lösungsorientiertem, gemeinsamem und gleichwertigem Lernen ist dabei wesentlich. Der praktische Nutzen und die positive Wirkung auf die Gesundheit, auf das Lernen und die Selbstständigkeit sind wesentlich (Steinmetz-Ehrt, 2018).

Qualifizierung im Rahmen der Praxis durch Praxisbegleitungen.

Die fachliche Qualifizierung der Mitarbeitenden durch professionelle Leitung und Gestaltung der Lernprozesse gemäß ihrer MH®Kinaesthetics Qualifikation (Inhalte, Methodik und Anpassung an den Bedarf der Teilnehmenden in den Kursen, Seminaren, sowie Workshops und Praxisbegleitungen).

Die Integration und Reflexion passender Teile der Absicht/Ziele in allen Lernprozessen (Grund-/Aufbau-/Zertifizierungskurs)

Refresher, Vernetzungstreffen, Arbeitsgruppen etc.

Praxisbegleitungsprozesse in Kleingruppen oder individuelle Lernbegleitung der Teilnehmer*innen, Kolleg*innen, Auszubildenden, Angehörigen, Praktikant*innen und Interessierten im Rahmen der direkten Pflege und Betreuung der Patient*innen (im Sinne der Gesundheitsentwicklung, Bewegungslehre und Selbstständigkeit).

3.3.2 Beschreibung der Umsetzung ins Team, Integration

Verantwortlich dafür ist jede/r einzelne geschulte Mitarbeiter*in, aus allen Bereichen und Berufen.

Jede/r Mitarbeiter*in übernimmt bewusst Verantwortung für die Umsetzung des Wissens in der Praxis und agiert auf Basis der im Organigramm definierten Funktion und Rolle im Team.

Wertschätzende, wertfreie, lern- und lösungsorientierte Zusammenarbeit, Wissensaustausch mit Vorgesetzten, Kolleg*innen, Betreuungs- und Pflegeempfänger*innen, Gästen, Angehörigen etc., ermöglichen, dass für alle ein praktischer Nutzen und eine Wirkung auf die Gesundheitskompetenz und Gesundheit entsteht. Die Umsetzung des Gelernten in die eigene Bewegung und in die Praxis liegt in der Verantwortung der einzelnen Mitarbeiter*innen, ob mit oder ohne Betreuungs- oder Pflegeempfänger*in oder mit oder ohne Gegenstände. Die Zusammenarbeit und der fachliche Austausch mit den Kolleg*innen im eigenen Team ist unabdingbar (Steinmetz-Ehrt, 2018).

Unterstützung und Beratung kommt dabei von Trainer*innen oder zertifizierten Anwender*innen direkt im Praxissetting, damit die Themen Gesundheitsentwicklung, Bewegungslernen und Selbstständigkeit für die eigene Bewegung und für Betreuungs- und Pflegeempfänger*innen bearbeitet und umgesetzt werden.

Zudem ist eine Ergebnissicherung, z. B. in der Pflegedokumentation, in der Informationsübergabe, bei Fallbesprechung, Pflegevisite etc. in Absprache und Vereinbarung mit den direkten Vorgesetzten wesentlich.

Die Umsetzung im Team und die Steuerung erfolgt durch das mittlere Management.

3.3.3 Beschreibung der Steuerung und Umsetzung im Team

Verantwortlich dafür ist das mittlere Management, also direkte Vorgesetzte mit Leitungsaufgaben und Weisungsbefugnis, in einem Team oder für einen Bereich. Das können z.B. Wohnbereichs-/Stations-/Team-/Bereichs-/ Gruppenleiter*innen und andere Führungspersonen sein.

Wichtig dabei sind eine wertschätzende, wertfreie, ressourcenorientierte Kommunikation und die Steuerung des Lernprozesses mit allen Beteiligten im definierten Verantwortungsbereich, sodass für alle ein praktischer Nutzen und eine positive Wirkung auf die Gesundheit und auf Lernprozesse entstehen kann. Eine kooperative persönliche und fachliche Zusammenarbeit mit den zertifizierten Anwender*innen und Trainer*innen trägt gelingend zum Umsetzungsprozess bei (Steinmetz-Ehrt, 2018).

Zwei Komponenten sind dabei grundlegend wichtig:

1. die persönliche Umsetzung des MH®Kinaesthetics-Wissens und -Könnens in die eigene Bewegung und in die Praxis, auf der Ebene Grund- und Aufbaukurs (Vorbildfunktion) und im eigenen Team und

2. die Steuerung des Lernprozesses der geschulten Mitarbeiter*innen in der Pflege, Betreuung, Therapie und Begleitung der Betreuungs- oder Pflegeempfänger*innen, der Eltern, Angehörigen etc. in Kooperation, fachlicher Beratung und Begleitung mit den Zertifizierten Anwender*innen und Trainer*innen.

Die Aufgaben des mittleren Managements für eine gelingende Umsetzung sind einerseits die persönliche Teilnahme am Grund- oder Aufbaukurs, an einem QUINT-Seminar (Schulungstool für den Lebensalltag), die Anwendung in der Praxis, die Teilnahme an der Fortbildung Führen und Bewegen, sowie andererseits die Information und Motivation des Teams für das gemeinsame verbindliche Lernen im Sinne der Projektziele (ich, ich und du, wir).

3.3.4 Beschreibung der Gesamtsteuerung durch das obere Management

KMLH-Rückmeldemodell® – Organisationale Wirkung

Verantwortlich für die Anpassung von Arbeitsstrukturen ist das oberste Management aufgrund der Position, Funktion und beschriebenen Aufgaben in Organisationen (siehe Abbildung, S. 43). Es sind bereichs- und funktionsbezogene Leitungspersonen in einer Einrichtung, einem Bereich oder auf einer Trägerebene mit Entscheidungs- und Weisungsbefugnissen. Das können z. B. ein Vorstand, Geschäftsführende, Pflege-Direktor*innen, Heimleiter*innen, Pflegedienst-/Regional-/Bereichs-/Betriebs- oder Hauswirtschaftsleiter*innen sein.

Zur gelingenden und zieldienlichen Umsetzung sind eine wertschätzende, wertfreie, ressourcen- und lösungsorientierte Kommunikation und Steuerung wichtig. Die Unterstützung des mittleren Managements und aller anderen Beteiligten ist wesentlich, sodass für alle ein praktischer Nutzen und eine positive Wirkung auf die Gesundheit, auf die Lernprozesse und auf die Selbstständigkeit entstehen können (Steinmetz-Ehrt, 2018).

3.3.5 Absicht und Ziele im Sinne der Gesundheitsentwicklung aller oder bereichsbezogener Mitarbeiter*innen sind festzulegen. Kerninhalte stellen die Unterstützung in der Erhaltung und Förderung der Mobilität – Selbstständigkeit, Bewegungslernen, Entwicklungsunterstützung, Gesundheitsentwicklung aller Beteiligten, Steigerung der Pflege- und Betreuungsqualität, Qualitätssicherung- und -entwicklung der Organisation/ des Bereichs wenn möglich in Kooperation mit den Trainer*innen und ggf. KMLH – dar.

3.3.6 Adaption von Arbeitsstrukturen, Anpassung und Vernetzung

Sobald der Qualifizierungsprozess der Mitarbeiter*innen größtenteils abgeschlossen ist und den Teams zertifizierte Anwender*innen zur Verfügung stehen, kann es sein, dass eine Anpassung von vorhandenen Arbeitsstrukturen nutzbringend ist. Diese kann team- oder bereichsbezogen, in der gesamten Einrichtung oder einrichtungsübergreifend sein.

Beispiele dafür sind: die Integration von MH®Kinaesthetics Bewegungswissen und -Können in Pflegevisiten, Fallbesprechungen, Mitarbeiter*innen-Gespräche, Einarbeitungskonzepte, Expert*innenstandards, Bausteine in Pflegedokumentation, Einschulungskonzepte neuer Mitarbeiter*innen, EDV-gestützte Leistungserfassung etc.

Autoren

  • Ulrike Resch-Kröll (Autor:in)

  • Bettina Maria Madleitner (Autor:in)

Ulrike Resch-Kröll, MBA, MSc DGKP, Zertifizierte MH Kinaesthetics-Trainerin, Unternehmensberaterin auf Basis der Verhaltenskybernetik und hypnosystemischen Team- u. Organisationsentwicklung, Geschäftsführerin der KMLH AT/IT KG, Koordinatorin der Stabsstelle Pflegekompetenz/MH Kinaesthetics im LKH-Univ. Klinikum Graz. Gerichtlich beeidete und zertifizierte Sachverständige und Unternehmensberaterin. FH-Prof. in Mag.a Bettina M. Madleitner (vorm. Hojdelewicz) DGKP, Lehrerin für Gesundheits- und Krankenpflege, Lektorin an Fachhochschulen, Weiterbildung „Onkologische Pflege“, Studium der Pflegewissenschaft an der Universität Wien, Standort-Studiengangsleiterin, Lehre und Forschung an der FH Campus Wien.
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Titel: Kinaesthetics in der Pflege