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Integratives Sandspiel

Eine (fast) sprachfreie Methode in Psychotherapie und Beratung

von Walter Lindner (Autor:in)
150 Seiten

In Kürze verfügbar

Zusammenfassung

Das Integrative Sandspiel ist eine Methode für Psychotherapie und Beratung, die aus dem Jung‘schen Sandspiel, unter Einbeziehung verschiedenster anderer Methoden und Techniken (insbesondere der Katathym-Imaginativen Psychotherapie, kurz KIP), weiterentwickelt wurde. Es eignet sich für alle Tätigkeitsfelder, hat jedoch besondere Stärken in der Arbeit mit Menschen, die nicht reden können oder wollen, sowie in der therapeutischen Arbeit mit Kindern.

Das Buch bietet in seinem Aufbau einen Bezugsrahmen für die Theorie der psychodynamisch orientierten Therapie. Ein Schwerpunkt liegt auf der Arbeit mit Symbolik. Der technische Teil beschreibt in zwei Schritten, wie man mit dem Sandkasten und dem Material arbeitet und wie die dazu notwendige Ausrüstung beschaffen ist. Des Weiteren wird die Nutzung der Sandbilder in den verschiedenen Anwendungsbereichen detailliert beschrieben und die Möglichkeit einer diagnostischen Nutzung erläutert. Die Methode ist so strukturiert, dass es für viele Berufsgruppen möglich ist, das Integrative Sandspiel in ihre Arbeit einzubauen.

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Half Title
  • Titel Seite
  • Impressum
  • Vorwort
  • Inhaltsverzeichnis
  • 1 Ursprünge der Methode
  • 2 Theoretisches Umfeld des Integrativen Sandspiels
  • 3 Die Grundausstattung
  • 3.1 Der Sandkasten
  • 3.2 Der Sand
  • 3.3 Das Material zur Gestaltung
  • 3.4 Das Wasser
  • 4 Grundtechnik (Phase 1)
  • 4.1 Das Einführen des Sandkastens
  • 4.2 Das Auffordern zum Gestalten
  • 4.3 Das Gestalten
  • 4.4 Das Anerkennen der Gestaltung
  • 4.5 Das Beschreiben
  • 4.6 Die Frage nach der Identifikation
  • 4.7 Die Frage nach den Gefühlen oder Empfindungen
  • 4.8 Das Fotografieren des Sandbildes
  • 5 Arbeiten mit Bilderserien
  • 6 Unterschiede zum Jung’schen Sandspiel
  • 7 Wirkmechanismen
  • 7.1 Die therapeutische Beziehung
  • 7.2 Das Material
  • 7.3 Die Symbolarbeit
  • 8 Die Symbolarbeit
  • 8.1 Das Symbol bei Freud
  • 8.2 Das Symbol bei Jung
  • 8.3 Symbol und Interaktion
  • 9 Verschiedene Techniken der Symbolarbeit
  • 9.1 Arbeiten am Symbol
  • 9.2 Interpretation
  • 10 Diagnostische Aspekte des Integrativen Sandspiels und Interventionen
  • 10.1 Ausgangsüberlegungen
  • 10.2 Entwicklungspsychologisches Grundgerüst
  • 11 Diagnostik anhand der Sandbilder
  • 11.1 Die Abbildung des Beginns des Dialoges in den Sandbildern
  • 11.2 Die Abbildung der späten Oralität in den Sandbildern
  • 11.3 Die Abbildung der Analität in den Sandbildern
  • 11.4 Die Abbildung der prägenitalen Phase in den Sandbildern
  • 12 Zusätzliche Techniken des Integrativen Sandspiels (Phase 2)
  • 12.1 Vorgaben zum Sandbild
  • 12.2 Interventionen im Sandkasten
  • 12.3 Arbeit mit mehreren Personen gleichzeitig
  • 12.4 Paararbeit im Sandkasten
  • 13 Spezielle Aspekte der Traumaarbeit
  • 13.1 Innere-Kind-Arbeit
  • 13.2 Sicherer Ort
  • 13.3 Die Tresorübung
  • 14 Anwendungsbereiche des Integrativen Sandspiels
  • 14.1 Einzeltherapie
  • 14.2 Paar- und Familientherapie
  • 14.3 Einzelsupervision und Coaching
  • 14.4 Teamsupervision
  • 14.5 Kinderpsychotherapie
  • 15 Bezüge zu anderen psychotherapeutischen Methoden
  • 15.1 Klientenzentrierte Psychotherapie
  • 15.2 Verhaltenstherapie
  • 15.3 Katathym Imaginative Psychotherapie (KIP)
  • 15.4 Integrative Gestalttherapie
  • 16 Spezielle Aspekte der Arbeit mit Menschen ohne bzw. mit sehr wenig Sprachvermögen
  • 17 Über das Integrative Sandspiel hinausgehende Möglichkeiten, mit dem Material zu arbeiten
  • 18 Fallbeispiele
  • 18.1 Beispiel 1
  • 18.2 Beispiel 2
  • 19 Zusammenfassung und Ausblick
  • Literatur

1Ursprünge der Methode

Das therapeutische Sandspiel hat eine lange Geschichte. Mitchell und Friedman (1997) beschreiben in ihrem Buch „Konzepte und Anwendungen des Sandspiels“ verschiedene Methoden und Techniken, die sich in den ersten Jahrzehnten des zwanzigsten Jahrhunderts zu entwickeln begannen. Unter den Beschriebenen sind zwei wesentliche Anregungen für Dora M. Kalff: Die „World Technique“ von Margaret Lowenfeld (1979) und der „World Test“ von Charlotte B. Bühler (1952).

Margaret Lowenfeld arbeitete in London am „Women’s Hospital“ und später im „Royal Hospital for Sick Children“, an dem sie 1929 die ersten Sandkästen aufstellte. Das Material dazu war auf dem Boden verteilt und die Kinder konnten darin nach Belieben gestalten. Wesentliche Elemente, die sich daraus erhalten haben, sind der Sandkasten, die Möglichkeit, mit Wasser zu gestalten, und ein unstrukturiertes Material. Ein wesentlicher Unterschied in ihrer „World Technique“ war, dass die TherapeutInnen beliebig wechselten, wodurch der Sandkasten und das Material mehr Bedeutung hatten als die begleitenden Personen.

Charlotte Bühler begann 1935 mit Margaret Lowenfeld zusammenzuarbeiten. Sie wollte die Arbeit von Margaret Lowenfeld wissenschaftlich beweisen und entwickelte dazu den „World Test“. Dieser besteht aus 160 winzigen Miniaturen, die in einer Schachtel aufbewahrt wurden, die zehn Fächer für die Kategorien Menschen, Haustiere, wilde Tiere, Häuser, Fahrzeuge, Umzäunungen, Naturbestandteile, Konstruktionen, Kriegsgegenstände und andere Objekte enthielt. Dieses Material war konstant. Der wesentliche Unterschied zwischen „World Test“ und „World Technique“ liegt zum einen in der Zielsetzung (Bühler wollte eine klare Diagnose, Lowenfeld ging es um die Therapie) und zum Zweiten verwendete Bühler keinen Sand.

Dora M. Kalff war eine Schülerin von C. G. Jung und lernte 1954 in Zürich Margaret Lowenfeld kennen. Sie war von ihr so beeindruckt, dass sie nach London ging, um dort die „World Technique“ zu erlernen. Nach ihrer Rückkehr in die Schweiz entwickelte sie, ausgehend von dieser „World Technique“, das „Sandspiel“, in dem ihre Jung’sche Ausbildung eine wesentliche Rolle spielte. Das Kalff’sche Sandspiel verwendet einen Sandkasten mit blauen Innenwänden, der wasserfest gebaut ist. Nebenbei gibt es Regale mit einer Fülle von Materialien, die dem gestaltenden Menschen zur freien Verfügung stehen. Weiters haben die gestaltenden Personen Wasser zur Verfügung, das bei der Gestaltung verwendet werden kann. Bei Dora Kalff gab es mehrere Sandkästen, von denen einer trocken und der andere für das Gestalten mit Wasser war.

Bei der zweiten Grande Dame des Jung’schen Sandspiels, Ruth Ammann (1989), ist nur der Boden blau, die Wände sind holzfarben. Bei ihr steht das Blau für die Möglichkeit, Wasser darzustellen. Natürlich ist es auch bei Ruth Ammann möglich, Wasser zu verwenden.

Beide Frauen verwendeten die Methode schließlich für alle Altersgruppen, auch wenn die Kinderarbeit weiterhin einen Schwerpunkt bildete.

2Theoretisches Umfeld des Integrativen Sandspiels

Folgende Theorien, die über das Jung’sche Sandspiel hinausgehen, trugen zur Entwicklung des Integrativen Sandspiels bei:

Die Katathym Imaginative Psychotherapie nach Hanscarl Leuner

Die psychoanalytische Symboltheorie

Die psychoanalytische Entwicklungspsychologie

Das Kreative Gestalten nach Erich Franzke

Die Containment-Theorie von Wilfred Bion

Der Sceno-Test von Gerhild von Staabs

Die Spieltherapie, vor allem die der ÖGWG

Meine Ausbildung zum KIP1-Therapeuten beinhaltete zwar einen Schwerpunkt im Jung’schen Denken, auf der anderen Seite verwendet die KIP aber auch andere psychoanalytische Theorien, die mein Arbeiten mit dem Sandkasten beeinflussten. Die KIP wurde in den Anfängen auch Symboldrama genannt, was zum Ausdruck bringt, dass die symbolhafte Darstellung ein wesentlicher Wirkmechanismus der Tagtraummethode ist. Außerdem hat die KIP eine Menge von Techniken entwickelt, welche später bei den Interventionen im Sandkasten ihren Niederschlag finden. Schlussendlich hat mich meine Erfahrung mit der KIP bewogen, im Gegensatz zum Jung’schen Sandspiel einen klar strukturierten Ablauf zu entwickeln.

Die psychoanalytischen Symboltheorien (Jung’sche Symbolik, Freud’sche Symbolik und neuere Symboltheorien) sind eine wesentliche Grundlage für das Verständnis der Sandbilder und für manche Techniken des Integrativen Sandspiels (siehe Kapitel 8 und 9).

Die psychoanalytische Entwicklungspsychologie ist ein weiterer Baustein im Verständnis des Integrativen Sandspiels und führt zu zusätzlichen Techniken der Methode. Einige davon werde ich ausführlicher beschreiben, da sich aus ihnen gut brauchbare Handlungsanweisungen für das Arbeiten im Sandkasten ergeben.

In den frühen Zeiten der KIP-Ausbildung (damals noch Katathymes Bilderleben) war Erich Franzke (ein österreichischer Mediziner und Psychodramatiker) immer wieder als Dozent tätig. Schwerpunkt seiner Lehrtätigkeit war das Arbeiten mit kreativen Gestaltungsmethoden (Zeichnen, Malen, Märchenspiel, Puppenspiel, Arbeiten mit Ton ...). Diese Techniken haben mein Bearbeiten der Sandbilder wesentlich geprägt, wie in Kapitel 9 ausführlich beschrieben wird. Die Containment-Theorie liefert einen Teil des Verständnisses, was bei dieser Methode heilsam wirkt (siehe Kapitel 7).

Der Sceno-Test hat einiges zur Verwendung des Sandkastens als Diagnostikum beigetragen. Im Sceno-Test verwendet man ein standardisiertes Material, das in einer Holzschachtel aufbewahrt wird, welche in einzelne Fächer unterteilt ist, um eine Übersicht über die verschiedenen Utensilien zu bieten. Dabei dient der Deckel als Gestaltungsfläche. Am Ende der Gestaltung teilt die Person selbstständig mit, dass sie fertig ist. Der Versuchsleiter enthält sich während des Gestaltungsprozesses jeglicher Stellungnahme und greift niemals in die Gestaltung ein. Die Spieltherapie erlernte ich als Psychologe am Institut für Familien- und Jugendberatung der Stadt Linz von Ilse Papula, einer Kollegin, der ich heute noch dankbar bin für das, was sie mir vermittelt hat. Sie war in Österreich eine Pionierin der Kindertherapie und gab ihr ganzes Wissen und Können mit Freude weiter.

1 KIP: Katathym Imaginative Psychotherapie nach Hanscarl Leuner

3Die Grundausstattung

Das Material für das Integrative Sandspiel hat vier Grundkomponenten: den Sandkasten, den Sand, das Material zur Gestaltung und das Wasser.

3.1Der Sandkasten

Der Sandkasten ist naturgemäß ein sehr wichtiger Bestandteil im Integrativen Sandspiel. Er ist es, in dem (zum größten Teil) die Gestaltungen, die Sandbilder, entstehen. Dora Kalff (1979, S. 21) und Ruth Ammann (1989, S. 36) beschreiben ihn mit den Maßen 57x72 cm und circa 7 cm tief. Es gibt wahrscheinlich tausende Sandkästen mit verschiedensten Maßen. Mir scheint es wesentlich, dass der Sandkasten ein Ausmaß hat, das mit einem Blick erfassbar ist. Daraus ergibt sich, dass es auch von der Körpergröße der gestaltenden Person abhängt, wie die größtmögliche Ausdehnung des Sandkastens sein kann. Das Maß von Ruth Ammann hängt sicherlich damit zusammen, dass sie viel mit Kindern arbeitet und somit das Blickfeld vorgegeben ist. Gleiches gilt für die Tiefe des Sandkastens. Ist er sehr tief, muss man ganz nahe stehen, um alles sehen zu können. Ist er sehr flach, bleibt wenig Raum für den Sand und es kommt häufiger dazu, dass während des Gestaltens Sand herausfällt. Ein zweiter Aspekt für die Ausmaße ist die Begrenzung der Phantasie, die ordnet und schützt.

Ein weiterer wesentlicher Punkt ist die Verarbeitung des Sandkastens. Da die Gestaltung auch mit Wasser sein kann und manche Menschen sehr viel Wasser brauchen, ist es wichtig, dass der Sandkasten wasserfest verarbeitet ist. Bewährt haben sich wasserfestes Sperrholz, ebensolcher Leim und Bootslack. Damit ist es sehr gut möglich, den Sandkasten so zu bauen, dass er allen möglichen Wassermassen standhält. Bei der Farbgestaltung gibt es einen Unterschied der Sandkästen von Dora Kalff und von Ruth Ammann: Bei Kalff ist der Sandkasten im Inneren vollkommen blau lackiert, bei Ammann nur der Boden. Die Grundidee dabei ist, damit die Möglichkeit zu bieten, Wasser oder Himmel darzustellen. Ich bevorzuge den Ammann’schen Sandkasten, da dieser zu Beginn der Gestaltung neutral ist. Man sieht Holz und Sand, welche farblich sehr ähnlich sind.

Ein nächster Bestandteil des Sandkastens ist sein Gestell. Dieses hat die Aufgabe, den Sandkasten zu tragen und ihn beweglich zu machen.

Dabei gibt es zwei Möglichkeiten:

Das Gestell hat eine fixe Höhe. Dann ist es wichtig, diese Höhe so zu wählen, dass der Sandkasten auch für die kleinsten Personen, mit denen ich arbeite, gut einsehbar und benutzbar ist. Wenn jemand auch mit kleineren Kindern arbeitet, heißt das eine maximale Höhe des Gestells von 50 cm.

Das Gestell ist höhenverstellbar und ich kann es daher an die jeweilige Person anpassen. Hier gibt es verschiedene Möglichkeiten, diese Höhenanpassung zu gewährleisten. Ich habe die Mechanik eines alten Couchtisches verwendet, der eine Kurbel hat. Solche Gestelle mit Hydraulik sind schwieriger zu bedienen. Eine andere Variante ist ein Gestell, bei dem die Beine mehrere Raster haben, die ich einstellen kann.

Eine zweite Dimension der Beweglichkeit ist die Beweglichkeit des Sandkastens im Raum. Dies geht einfach mit Möbelrollen, so dass der Sandkasten leicht beweglich ist. Das ermöglicht es zum einen, den Sandkasten in kleineren Räumen an den Rand zu stellen, wenn ich ihn gerade nicht benötige, und es ermöglicht, dem Sandkasten einen unterschiedlichen Platz zu geben, je nachdem, wie viele Personen an der Gestaltung beteiligt sind. Es ist für handwerklich Geübte ein Leichtes, einen solchen Sandkasten samt Gestell selbst zu bauen. Ich benötige dazu das Holz, das ich im Baumarkt maßgenau kaufen kann, das Gestell, Leim, einige Schrauben, etwas blaue Farbe und Bootslack. Die Kosten für den Sandkasten und eine Grundausstattung mit Material sind überschaubar.

Der dritte Teil des Sandkastens ist nun der Sand. Hier tauchen immer wieder viele Fragen zu Menge und Beschaffenheit des verwendeten Sandes auf.

Mir scheint eine Sandhöhe von circa 3 cm ausreichend. In einem Sandkasten der oben beschriebenen Maße heißt das ungefähr zwei Putzeimer voll Sand. Damit ist genügend Sand vorhanden, um gut gestalten zu können, und andererseits noch genügend Spielraum für anderes Material.

Dora Kalff hatte in ihrem Arbeitsraum zwei Sandkästen: einen trockenen und einen feuchten. Die gestaltende Person entscheidet sich zu Beginn, in welchem Sandkasten sie arbeiten wird. Im Falle der Entscheidung für den „trockenen“ heißt das dann, dass ich kein Wasser verwenden kann, beim „nassen“ muss ich kein Wasser verwenden, kann es aber.

Zwei Sandkästen brauchen natürlich entsprechend Platz und es gibt TherapeutInnen, die diesen Platz nicht haben, und solche, die den Platz nicht zur Verfügung stellen wollen. Arbeite ich nur mit einem Sandkasten, ist das Wasser ein Thema. Es wird dann, wenn ich die Methode häufig verwende, oft feuchten Sand geben, und es gibt für manche Gestaltende keine Wahl mehr, in trockenem Sand gestalten zu können. Ein weiteres Thema ist „viel Wasser“ im Sandkasten. Kinder verwenden immer wieder sehr viel Wasser und dann habe ich „Gatsch“ (Matsch) im Sandkasten. Eine Lösung dafür ist, eine zweite Menge Sand zur Verfügung zu haben, so dass ich bei zu nassem Sand diesen austauschen kann. Der nasse Sand kann dann getrocknet werden, was außerhalb des Sandkastens schneller geht. Das ist jedoch auch nur einmal hilfreich. Sollte der nächste gestaltende Mensch wieder viel Wasser verwenden, stehe ich vor dem gleichen Problem.

3.2Der Sand

Zur Art des richtigen Sandes gibt es eine Reihe von Aufsätzen. Mir scheint es wesentlich, dass der Sand eine gewisse Plastizität hat, damit es vor allem bei der Gestaltung mit Wasser möglich ist, stabile Formen zu gestalten. Das heißt, dass der Sand einen Anteil Ton in sich haben muss, der ihm diese Plastizität verleiht. Die meisten natürlichen Sande haben dies. Wenig geeignet sind reine Quarz- oder Kalksande, da diese sich mit dem Wasser nur schlecht verbinden und daher manche Gestaltung mit ihnen unmöglich ist. Außerdem stauben trockene Quarzsande wesentlich mehr als andere.

Es gibt auch Sande zu kaufen (Spielsand), die mit Knetmasse versetzt sind, was ihnen eine hohe Plastizität verleiht. Mir persönlich ist das nicht angenehm, da ich möglichst wenig Kunststoffe verwenden will. (Eine störende Komponente bei diesem Sand ist für manche die Tatsache, dass Wasser manchmal drauf stehen bleibt) Von der Funktionalität her sind sie jedoch gut geeignet. Die Gestaltenden haben unterschiedliche Vorlieben und es liegt an mir, zu entscheiden, was ich anbiete.

Schließlich spielt auch noch die Körnung des Sandes eine Rolle. Es soll auf jeden Fall ein Sand sein, der keine Steine beinhaltet. Ist er sehr fein, wird wieder das Thema Staub akut.

3.3Das Material zur Gestaltung

Zu Beginn der Arbeit mit dem Sandkasten ist die Beschaffung des Materials der zeitlich und finanziell aufwändigste Teil, mitunter aber auch der lustvollste. Ich glaube, dass das Material für mich ein subjektiv wichtiger Grund ist, warum ich so gerne mit der Methode arbeite.

Die Zusammenstellung des Materials verlangt eine gewisse Auswahl, ohne dass die Menge dabei eine wesentliche Rolle spielt. Meine erste Ausrüstung hatte auf einem normalen Arbeitstisch Platz, heute habe ich etwa das Vierfache davon. Dora Kalff hat in ihrem Arbeitsraum Regale, Hängekästen und Tische mit Körben, die alle voll mit Material sind.

Wichtig ist, von bestimmten Ebenen Material zu haben: archetypisches, menschliches, tierisches, pflanzliches und mineralisches.

Mit dem archetypischen Material sind Figuren oder Gegenstände gemeint, die sehr unmittelbar archetypischen Charakter haben: Märchenfiguren, Federn, Helden, Urmütter und Urväter, Drachen, Schätze, Engel, Teufel, Götter, goldene Kugel ...

Menschliches Material meint zum einen menschliche Figuren (weiblich, männlich, Kinder …) und zum anderen Gegenstände aus der von Menschen geschaffenen Welt (Fahrzeuge, Werkzeuge, Möbel, Häuser …).

Das Material der Tierwelt sollte Tiere von unterschiedlichen Entwicklungsphasen beinhalten: Säugetiere, Raubtiere, Wildtiere, Haustiere, Vögel, Wassertiere, Insekten, Reptilien.

Das Material der Pflanzenwelt besteht aus Bäumen, Sträuchern, Obst, Gemüse, Blumen, Wiesenelementen …

Das Material der mineralischen Welt umfasst Steine, Holz, Federn, Wolle, Glassteine, Muscheln, Bauklötze, Schnüre …

Bei allen Ebenen ist es wichtig, etwas davon zu haben, es geht nicht um die Menge. Habe ich genug Platz, so kann ich mich natürlich austoben. Ich kann zum Beispiel sowohl bei Menschen als auch bei Tieren Familien anbieten, ich kann bei manchen Materialien ein und dasselbe Element in verschiedenen Größen und/oder Farben anbieten, ich kann Pflanzen mit und ohne Früchte oder Blüten anbieten, ich kann bei den Menschen welche mit unterschiedlichen Hautfarben, Berufen oder Rollen hinstellen. In der Vielfalt werde ich nur durch meine räumlichen und finanziellen Grenzen beschränkt.

Die Darbietung des Materials geschieht idealerweise auf einem Regal mit fünf Ebenen, wobei der Boden die unterste Ebene bildet. Diese fünf Ebenen entsprechen den fünf Gruppen des Materials:

Am Boden stehen Kisten, Schachteln oder Körbe mit den Materialien der mineralischen Ebene (Steine, Holz, Federn, Wolle, Glassteine, Muscheln ...).

Darüber die Materialien der pflanzlichen Ebene (Bäume, Sträucher, Obst, Gemüse, Blumen ...).

Wiederum darüber die Tiere, auf der vierten Ebene das Material der menschlichen Ebene und ganz oben das archetypische Material.

Wenn man viel mit kleinen Kindern arbeitet, kann es sein, dass für diese die letzte Ebene nur mehr schlecht einzusehen ist. Da ist es sinnvoll, menschliches und archetypisches Material auf einer Ebene aufzustellen.

Habe ich nicht den Platz für ein derartiges Regal, ist es möglich, das Material geordnet nach den Ebenen in Kisten aufzubewahren und es auch in diesen anzubieten. Die manchmal geäußerte Sorge, ob denn das alles wirklich verwendbar sei, ist nicht nötig. Meine Erfahrung ist, dass die Menschen das, was sie brauchen, instinktiv finden. Andererseits steht oft etwas im Regal und der Gestaltende beschwert sich, dass es nicht da sei. Manchmal hat der Mensch die Figur schon verwendet, sie steht am selben Platz und er findet sie trotzdem nicht. Zum andern fischen die Gestaltenden oft mit traumwandlerischer Sicherheit aus Kisten das Gesuchte heraus.

Eine Frau, die bei mir die Ausbildung machte und die extrem wenig Platz in ihrem Arbeitsraum hatte, löste das Ganze dadurch, dass sie die Kisten in Schränken versperrte und auf dem Sandkasten einen Deckel hatte, so dass dieser zu anderen Zeiten als Ablage dienen konnte. Andere wiederum verwenden Büroschränke mit Rollladen, damit nicht andere Personen ungefragt das Material verwenden oder mitnehmen (wenn sich zum Beispiel mehrere Personen einen Raum teilen).

Der Erwerb des Materials kann auf unterschiedlichen Wegen geschehen:

Ich durchforste meinen eigenen Besitz nach brauchbaren Dingen.

Ich grabe nicht mehr genutzte Dinge der eigenen Kinder und jener von Freunden und Verwandten aus.

Ich gehe auf Flohmärkte.

Ich besuche Tauschbörsen.

Ich nutze Internetadressen wie ebay.at, sandspielfiguren.de, willhaben.at …

Ich kaufe in Geschäften ein.

Eine Grundausstattung ist bei etwas Geschick immer erschwinglich. Außerdem bin ich immer wieder überrascht, an wie vielen Orten Sandkästen stehen.

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Abbildung 1: Sandkasten mit Material

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Abbildung 2: Detail aus dem archetypischen Material (oben)

3.4Das Wasser

Das Wasser steht in einem Krug neben dem Sandkasten, so dass es gut sichtbar, aber nicht hinderlich ist. Wie viel Wasser jemand zulässt, ist eine Frage der inneren und äußeren Möglichkeiten. Mit inneren Möglichkeiten meine ich die persönliche Bereitschaft der Therapeutin, etwas zuzulassen. Bei dem ersten Sandbild in meinem frisch erhaltenen Sandkasten verwendete ein Kind mehr als 10 Liter Wasser. Ich war herausgefordert, dies auszuhalten, obwohl ich in großer Sorge war, ob der Sandkasten dicht halten würde. Zum anderen heißt viel Wasser bei einem Sandkasten natürlich, dass er nicht gleich wieder für andere zur Verfügung steht, außer man hat Wechselsand. Hat man diesen nicht, kann man Wasser abschöpfen, es dauert aber dann doch einige Tage, bis der Sand wieder einigermaßen getrocknet ist.

Die äußeren Möglichkeiten beziehen sich darauf, wo die nächste Wasserquelle ist. Ist diese nicht im Raum, heißt mehr als ein Krug, dass der Gestaltende mit dem Krug nachholen geht. Für manchen ist dies als Begleiter störend.

Das heißt, ich muss mich grundsätzlich entscheiden, ob ich nur den einen Krug zur Verfügung stelle, ich mehrere Krüge hinstelle (Platzfrage) oder ob ich es freistelle, wie viel Wasser jemand verwendet. Gerade bei Kindern ist es oft schon wichtig, dass sie auch die Möglichkeit haben, zu „gatschen“ (matschen).

4Grundtechnik (Phase 1)

Im Folgenden werde ich die Grundzüge der Technik beschreiben. Sie besteht aus folgenden Schritten:

Phase 1

Das Einführen des Sandkastens

Das Auffordern zum Gestalten

Das Gestalten

Das Anerkennen des Gestalteten

Das Beschreiben

Die Frage nach Identifikation (nur bei Kindern)

Die Frage nach Gefühlen und Empfindungen

Das Fotografieren

4.1Das Einführen des Sandkastens

Das Einführen des Sandkastens geschieht bei mir in zwei Schritten:

Zunächst einmal im Verlauf des Erstgespräches, das ich mit jedem Menschen führe. In diesem gibt es einen Punkt, bei dem ich die Methoden vorstelle, mit denen ich häufig arbeite. So erwähne ich an dieser Stelle ein erstes Mal, dass eine solche Methode der Sandkasten ist, der oft hilfreich ist, auf einer dem Verstand nicht sofort zugänglichen Ebene zu arbeiten.

Der zweite Schritt geschieht dann, wenn ich jemandem zum ersten Mal vorschlage, ein Sandbild zu gestalten. Ich erkläre die Methode und frage, ob sich die betreffende Person vorstellen kann, so etwas zu tun. Ist der Mensch mit dem Vorschlag einverstanden, gehe ich zum Sandkasten und zeige zunächst, was es da alles gibt. Dabei schiebe ich zunächst etwas Sand zur Seite, damit das Blau des Bodens sichtbar wird. Ich sage dazu, dass dieses Blau über den ganzen Boden reicht. Dann decke ich die Stelle wieder zu und erkläre, dass der Sandkasten wasserfest gearbeitet ist und dass es daher auch möglich ist, mit Wasser zu gestalten, wenn jemand das will. Ich zeige, wo das Wasser steht. Dann zeige ich das Material in den Regalen und Kisten (am Boden) und lade ein, sich das Material genauer anzuschauen. Ich erkläre, dass dies alles für die Gestaltung zur Verfügung steht.

In einem weiteren Schritt erkläre ich, dass die Grundüberlegung die sei, dass die Person im Sandkasten das gestaltet, was ihr im Moment einfällt. Es gebe hier nur Richtiges. Die Erfahrung sei, dass allein das Gestalten als solches schon unbewusste, hilfreiche Prozesse in Gang setzt, ohne dass der Verstand wissen muss, was hier geschieht. Während der Gestaltung sei ich stiller Begleiter, der nicht mit der Person spricht. Schließlich solle die Person mir sagen, wann ihre Gestaltung fertig ist. Ab diesem Zeitpunkt bleibe das Sandbild unverändert, der Mensch dürfe nicht mehr eingreifen. Dies habe den Sinn, zum einen klarzumachen, dass jetzt ein „Werk“ entstanden ist, das Bestand haben soll, und zum anderen gebe dies auf der unbewussten Ebene einen Entwicklungsimpuls. Einer meiner Ausbildner in der KIP habe das als einen erhöhten „Symbolisierungsdruck“ erklärt, der dadurch wirksam werde. Anschließend würde ich die Gestaltung beschreiben und abschließend das Bild fotografieren. (In einer Ausnahmesituation, z. B. bei traumatisierten Menschen, wird nur das sichere Bild fotografiert, was ich dem Menschen während des Bearbeitens sage.) Dieser Prozess sei immer gleich und es gebe dann verschiedene Möglichkeiten, mit dem Sandbild umzugehen.

Bei dieser Einführung ist es wichtig, dass ich weiß, von welchem Standpunkt her ich den Sandkasten erkläre, da dies im weiteren Verlauf einen Einfluss auf die Betrachtung des Sandbildes hat. Am einfachsten ist es, dieses Erklären wie ein Ritual immer von der gleichen Stelle aus zu machen. Damit weiß ich immer, wie die Ausrichtung der Sandbilder zu lesen ist.

In dieser Gestaltungsphase ist es jedem Menschen freigestellt, das zu tun, was ihm einfällt. Es gibt nur zwei Beschränkungen: Während des Prozesses wird niemand verletzt und nichts mutwillig zerstört. Es kann schon geschehen, dass im Gestaltungsprozess etwas kaputtgeht, ohne dass die gestaltende Person dies will. Es passiert jedoch sehr selten, auch bei Kindern. Merke ich, dass jemand beabsichtigt, etwas mutwillig zu zerstören, greife ich ein. Manchmal reicht ein entschiedenes „Stopp!“ oder „Halt!“. Ab und zu ist es notwendig, einzugreifen. Ich habe nur ganz selten erlebt, dass dies nötig war.

4.2Das Auffordern zum Gestalten

Dann ersuche ich die Person, das zu gestalten, was im Moment für sie passt, und es mir zu sagen, sobald sie fertig ist. Dieses Ersuchen wird jeder mit seinen Worten machen. Wenn die Person sagt, es sei fertig, heißt das auch, dass ab nun nichts mehr am Sandbild verändert wird.

4.3Das Gestalten

Nach der Einladung, zu gestalten, nehme ich einen Platz ein, an dem ich nicht störend beim Gestalten bin und von dem ich einen guten Blick auf den Sandkasten habe. Was jetzt die gestaltende Person macht, kann sehr vielfältig sein. Manche beginnen wie von der Tarantel gestochen, andere gestalten ruhig, aber zielstrebig, andere überlegen lange, ehe sie irgendetwas tun, während andere wiederum Material sammeln, das sie dann in den Sandkasten legen, um dann erst mit dem Gestalten zu beginnen. Einige spielen zuerst gedankenverloren im Sand, während der Nächste damit beginnt, den Sand zu formen. Eine weitere Variante ist es, dass Menschen versuchen, mit mir zu reden, einerseits um eine Unsicherheit zu überwinden, andererseits um zu testen, ob ich wirklich nichts sage. Beim ersten Sandbild einer Person kann es sein, dass ich noch einmal wiederhole, dass ihr das gesamte Material zur Verfügung stehe und dass sie das gestalten solle, was im Augenblick für sie passt, während ich nur stiller Begleiter sei. Dann schweige ich, solange der Gestaltungsprozess andauert. Und das sind längst nicht alle Varianten, wie die Entstehung von Sandbildern abläuft.

Diese „innere Haltung“, die ich während des Begleitens der Gestaltung einnehme, ist für in Beratung und Psychotherapie wenig Erfahrene wahrscheinlich eine der großen Herausforderungen beim Sandspiel. Manche Menschen, die das erste Mal selbst einen solchen Prozess begleiten, sind überrascht davon, was in ihnen während des Begleitens vorgeht. Dieses scheinbare Nichtstun, diese angebliche Untätigkeit ist tatsächlich eine sehr aktive, manchmal auch anstrengende Phase. Auch erfahrene KollegInnen erleben immer wieder, dass es anfänglich eine Herausforderung ist, diese gute innere Haltung zu bewahren. Die Begleitung besteht darin, aufmerksam präsent zu sein, wahrzunehmen, was geschieht, und einen geschützten Raum zu schaffen (Container; Kapitel 7.1), der es der gestaltenden Person ermöglicht, Inhalte, Emotionen, Geschichten darzustellen, die sie vielleicht sonst nicht so schnell zulassen würde. Jeder, der mit der Methode arbeitet, wird dabei erfahren, dass dieses „Dasein“ nur selten emotional flach vor sich geht. Meist ist es so, dass der Begleiter in sich selbst die vielfältigsten Emotionen und Bilder erlebt, die in den allermeisten Fällen ein Ausdruck des unbewussten Teiles der Darstellung sind. Manchmal ist es sogar schwierig, diese freischwebende Aufmerksamkeit beizubehalten. Hier gilt es, in einem Selbstreflexionsprozess herauszufinden, wo Themen sind, die es mir erschweren, gut zu begleiten. In diesem Reflexionsprozess entwickelt sich auch die Unterscheidungsfähigkeit, welche Emotionen und inneren Bilder der begleitenden Person empathisch wahrgenommen sind und welche zu meiner eigenen Geschichte gehören. Das Erstere ist ja im weiteren Prozess eine wichtige Information, die ich nützen kann, das Zweite gilt es zu bezähmen.

Ich habe für mich zum Beispiel erfahren, dass ich mich fast regelmäßig verspanne, wenn jemand besonders bemüht ist, etwas in eine bestimmte Position zu bringen, und dabei immer wieder scheitert. Da würde ich offensichtlich am liebsten einspringen und zeigen, wie es geht, oder bei der Suche nach der Lösung helfen. Das heißt, es ist für mich in dieser Situation wichtig, diese Spannung zu verarbeiten, aufzulösen, um den Raum des Gestaltens wieder von dieser Spannung zu befreien.

Etwas anderes ist es, wenn ich diese Spannung eindeutig dem empathischen Erleben zuordnen kann und so die Möglichkeit biete, diese Spannung aufzunehmen, zu halten und trotzdem in meiner guten inneren Haltung zu bleiben. Damit signalisiere ich, dass es möglich ist, diese Spannung gut auszuhalten (zu überleben) und trotzdem handlungsfähig oder erlebnisfähig zu sein. Diese Vorbildfunktion hilft dem Klienten, eine neue Bewertung der Situation zu finden, durch die diese Spannung entstanden ist.

Bei der Weitergabe der Methode achte ich bei den Seminaren darauf, dass die Lernenden wirklich in dieser ruhigen Begleitung bleiben. Es geschieht immer wieder einmal, dass jemand beim Üben des Begleitens zum Sandkasten hingeht, um etwas Umgefallenes aufzurichten oder der gestaltenden Person zu helfen, etwas zu bauen. Im Jung’schen Sandspiel gibt es Beispiele in Videos (Ammann 2003), wie die begleitende Person der Gestaltenden etwas anbietet, ihr hilft. Das ist eine andere Art des Umgehens. In der Spieltherapie zum Beispiel ist das eine bewusste Intervention.

4.4Das Anerkennen der Gestaltung

Nachdem die Person mitgeteilt hat, dass sie mit dem Gestalten des Sandbildes fertig ist, wird die Gestaltung kurz anerkannt, um zu bekräftigen: So, wie es geworden ist, ist es gut. Dies kann von einem ‚therapeutischen‘ „Mhm“ mit wohlwollendem Ton bis hin zu einigen Worten reichen, Worte, die ausdrücken, dass es gut ist, so wie das Sandbild entstanden ist. Ich vermittle dabei bewusst, dass das, was entstanden ist, gut ist. Alles, was in diesem Prozess geschieht, ist o. k.

Sobald die Gestaltung als fertig benannt wurde, bleibt das Sandbild unverändert. Das ist manchmal, speziell bei Kindern, eine Herausforderung für die Person, die gestaltet hat. Bei Erwachsenen zum Beispiel kommt es immer wieder vor, dass eine Figur, ein Element umfällt oder schief steht. Durch das Beschreiben merken sie dies dann und wollen es „richten“. Das lasse ich nicht zu. Es entsteht dadurch oft eine eigene Dynamik, die im therapeutischen Prozess wichtig wird.

Hier gibt es eine Ausnahme: Bei traumatisierten Menschen kommt es ja immer wieder vor, dass sie ihre schlimme Erfahrung darbieten: erzählen, wiederholen, im Sandbild nachgestalten. Wenn ein Mensch, von dem ich weiß, dass er traumatisiert ist, die Gewaltszene gestaltet oder im Bild eingebaut hat, dann ist es wichtig, dass ich eingreife, das Darstellen der belastenden Situation benenne und den Menschen anrege, die Szene so zu verändern, dass die bedrohte Figur schließlich in einer sicheren Situation ist. Gelingt ihm dies nicht, mache ich ein Angebot, wie das gehen könnte. Ist die gestaltende Person mit meinem Vorschlag einverstanden, kann sie es verändern, ansonsten gilt es auch einmal eine Zeitlang zu verhandeln, bis ich zufrieden mit der Sicherheit bin und die Person mit der Lösung einverstanden ist. Es gibt einige wenige Fälle, in denen der Mensch zwar mit der Veränderungsidee einverstanden ist, sich aber nicht in der Lage sieht, dies auch zu tun. In diesem Fall frage ich, ob es erlaubt ist, dass ich die Veränderung mache, und bei Erlaubnis setze ich die Veränderung auch um. In diesem Fall fotografiere ich auch nur die sichere Situation (Kapitel 4.8). Somit gebe ich dem Menschen auch eine Idee davon, wie ein Weg zu Sicherheit entstehen kann.

4.5Das Beschreiben

Anschließend beschreibe ich das Sandbild neutral wie in einer Bildbeschreibung in der Schule. Um zu zeigen, dass ich durchgehend aufmerksam war, beschreibe ich zunächst das Erste und das Letzte, das die Person im Sandkasten getan hat. Das Erste kann eine Veränderung im Sand sein oder ein Element des Materials. (Immer wieder kommt es vor, dass Menschen zu Beginn überlegend in den Sand greifen, ohne hier eine Absicht des Gestaltens zu haben. Dennoch ist dies das Erste, das geschieht.)

Anschließend beschreibe ich das Bild, ohne weiter in den Gestaltungsprozess einzugreifen. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, das Bild zu beschreiben.

Das Beschreiben des Sandbildes ist ein sehr wesentliches, wirksames Element. Vielen Menschen vermittelt es, wie schon vorher erwähnt, zum „ersten Mal“ das Erleben, dass das, was sie tun, wirklich wahrgenommen wird. Je besser es jemandem gelingt, die Beschreibung wertfrei zu gestalten, desto stärker ist im Normalfall dieses Erleben. Da es keine absolute Wertfreiheit gibt, geht es darum, das Niveau der Beschreibung so zu gestalten, dass der Mensch sich in seiner Gestaltung höchstwahrscheinlich verstanden fühlt. Dabei ist es hilfreich, das eigene Material gut zu kennen.

Mit der Zeit wird jeder bei seinem Material die Elemente kennen, die nicht wirklich eindeutig sind. Ob eine Hexe eindeutig eine ebensolche ist, stellt sich meist nach einiger Zeit des Arbeitens heraus. Menschen aus anderen Kulturkreisen haben unter Umständen eine ganz andere Sicht für eine Figur, als wir das haben. Es ist unwahrscheinlich, dass ein Asiate unser Schneewittchen kennt. Da ist es wichtig, wirklich nur das zu beschreiben, was sichtbar ist. Mache ich die Erfahrung, dass eine bestimmte Figur sehr unterschiedlich verwendet wird, so verwende ich in der Beschreibung eine Formulierung, die möglichst offen ist: Hexe – alte Frau – Frau – Mensch. Oder eine Figur aus meinem Material: ein Mensch liegt vor einem Buch. Dieser Mensch wurde schon als männlich, weiblich, kindlich, jugendlich und erwachsen verwendet. Hier bin ich dann zurückhaltend und beschreibe diese Figur als liegenden Menschen, es sei denn, die gestaltende Person hat während der Gestaltung die Figur benannt. Dann verwende ich natürlich den Begriff, den die Person gewählt hat. Es kann auch vorkommen, dass bei einer vorsichtigen Beschreibung die gestaltende Person protestierend feststellt, das wäre doch ein Dann werde ich im Weiteren selbstverständlich diese Zuschreibung aufgreifen.

Zum anderen ist es notwendig, die eigene Welt der Bewertung immer genauer kennen zu lernen, damit ich meine eigenen Vorurteile, Verkürzungen, Ab- und Umwertungen immer besser draußen lassen kann.

Eine weitere Wirkung des Beschreibens ist, dass manche ihre Gestaltung nach dem Beschreiben (teilweise) anders sehen als vorher. Eine besonders deutliche Reaktion eines Menschen war zum Beispiel, nach der Beschreibung empört festzustellen:

„Das habe ich aber nicht so gebaut!“ Er meinte damit: „Das, was Sie hier beschrieben haben, stimmt, aber meine Absicht war eine andere.“ Er erhielt so eine neue Sicht und schließlich auch eine neue Bewertung der Situation. Eine Frage, die von AusbildungsteilnehmerInnen immer wieder gestellt wird, lautet: Soll ich beschreiben, dass etwas nicht vorhanden ist? Klare Antwort: Nein. Dasselbe gilt für vergrabene Elemente. Ich weiß zwar auf Grund meines Dabeiseins, dass etwas vergraben ist. Wenn ich das Bild betrachte, ist es aber nicht sichtbar. Es ist jedoch in späteren Prozessen durchaus interessant, zu besprechen, dass hier etwas vergraben ist.

Im Normalfall ist immer wesentlich mehr Material nicht verwendet, als im Sandkasten vorhanden ist. Sind zum Beispiel keine menschlichen Figuren verwendet worden, so beschreibe ich die Tiere, die Pflanzen, die Sandformen und was sonst noch alles vorkommt. Damit habe ich wahrgenommen, was vorhanden ist. Automatisch ist damit alles nicht Verwendete indirekt bemerkt. Das genügt.

Im Folgenden einige Hilfen, die es erleichtern, gut strukturiert und sicher beschreiben zu können:

Farben – hell, dunkel, pastellfarben, Art der Farbe ...

Formen – eckig, rund, oval, dreieckig, rechteckig, quadratisch, Würfel, Kugel, Pyramide, Trapez, Deltoid, offen, geschlossen ...

Raumaufteilung – oben, unten, links, rechts, in der Mitte, im Eck, am Rand

Richtungen – von ... nach ... (z. B.: von links der Mitte nach rechts oben)

Mengen – die Anzahl von bestimmten Dingen, Gruppierungen von Gleichem oder Ähnlichem ...

Die Art der verwendeten „Materialien“ (Menschen, Fabelwesen, Tiere, Pflanzen, Geräte, Fahrzeuge, Dinge ...)

Es hat jeder Mensch seine Vorlieben, wie er sich in einem Sandbild orientiert. Die folgenden Überlegungen sind verschiedene Möglichkeiten, sich dem Sandbild beschreibend zu nähern. Es geht nicht darum, alles ausführlich zu benennen, da die Beschreibung sonst oft sehr lang würde und es dann nicht mehr gut möglich ist, die Aufmerksamkeit zu halten. Speziell Kinder sind eher kurze Zeit konzentriert bei der Sache. Bei sehr materialreichen Bildern ist es zum Beispiel eine Möglichkeit, zu sagen: Da gibt es viele Tiere, einige Menschen usw., also Cluster zu bilden.

Farben

Bei den Farben ist zunächst folgende Überlegung wichtig: Wenn bei einem bestimmten Material (z. B. Dächer von Häusern, Autos, Kleidung von Personen ...) keine Wahlmöglichkeit gegeben ist, da es von diesem Element nur eine Farbe gibt, so ist es fürs Erste nicht sinnvoll, die Farbe des Daches zu beschreiben. Etwas anderes ist es, wenn ich Häuser mit verschiedenfarbigen Dächern zur Verfügung habe. Dann ist es möglich, die Farbe als ein spezifisches Element zu nutzen und sie zu beschreiben. Eine weitere Möglichkeit ist es, dass ein Sandbild von einer Farbe dominiert ist. Dann kann ich alle Elemente benennen, die eine gleiche Farbe haben, und dabei auch ein Dach, bei dem nur eine Farbe zur Verfügung ist. Es geht hier oft so weit, dass Sandbilder überwiegend nur eine Farbe aufweisen.

Außerdem ist es oft interessant, ob in einem Sandbild überwiegend klare Farben zu finden sind oder ob Pastelltöne vorherrschen. Es ist dabei immer wichtig, zu schauen, ob eine bestimmte Qualität mehr vorhanden ist als eine andere. Erst dann ist es sinnvoll, dies in die Beschreibung aufzunehmen.

Auf die Bedeutung der Farben werde ich in Kapitel 11 näher eingehen.

Formen

In manchen Sandbildern sind klare Formen erkennbar. Ein Fluss verläuft in Schlangenlinien; ein Teich, ein Berg oder Figurengruppen können einen Kreis oder eine Ellipse bilden; Steine, Schnüre, Bäume ... können in Form einer Spirale liegen und vieles mehr, was möglich ist. Wenn solche Formen klar erkennbar sind, so ist es auch möglich, sie als solche zu beschreiben. Ingrid Riedel (1985) beschäftigt sich zum Beispiel ausführlich mit den Formen Kreuz, Kreis, Dreieck, Quadrat, Spirale. Auf die Bedeutung werde ich bei der Symbolik und bei der Diagnostik näher eingehen.

Auch hier gilt: Nicht vorhandene Formen werden nicht als „nicht vorhanden“ erwähnt. Das heißt, ich sage zum Beispiel nicht: „Da gibt es keine Kreise.“

Raumaufteilung

Bei der Raumaufteilung geht es darum, die Dimensionen „oben/unten“, „links/rechts“ und die sich daraus ergebenden Verteilungen und Richtungen zu beachten. Dabei ist eine grundsätzliche Überlegung wichtig: Wie komme ich zu einer Festlegung, wo oben, unten, links, rechts ist? Hier gibt es verschiedene Zugänge. Für mich hat sich in Anlehnung an Erich Franzke folgende Haltung bewährt:

Durch den Punkt, von dem aus ich das erste Mal den Sandkasten einführe, bestimme ich die Richtungen der Betrachtung. Dort, wo ich stehe, ist das Vorne/Unten, dementsprechend ergeben sich das Hinten/Oben, das Links und das Rechts. Weiters ergeben sich zwei Diagonalen (links unten – rechts oben, links oben – rechts unten) und zwei Halbierungslinien (eine zwischen oben und unten, eine zwischen links und rechts). Diese Zuordnungen sind jedoch nur Hilfskonstruktionen, da ich oft nicht weiß, wo der Mittelpunkt für die jeweilige Gestaltung wirklich liegt. Diesen kann man bei manchen Gestaltungen klar benennen, und zwar dann, wenn in der Mitte des Sandkastens ein markantes Element zu finden ist. Dann ist die Annahme gerechtfertigt, dass die Gestaltung im Mittelpunkt des Sandkastens ihren Mittelpunkt hat. (Dies kann zum Beispiel ein Berg sein, oder eine Figur, die genau in der Mitte steht und sich von den anderen auch etwas abhebt.)

Lässt sich so eine markante Darstellung nicht finden, kann ich in Bezug auf die Richtungen nur von Tendenzen sprechen, die ich dementsprechend vorsichtig verwende. Über verschiedene theoretische Ansätze hinweg finden sich folgende immer wiederkehrende Zuordnungen:

links: Links entspricht der Dimension Vergangenheit oder der weiblichen Qualität.

rechts: Rechts entspricht demgemäß Zukunft oder der männlichen Qualität.

oben: bewusst, Himmel, Horizont

unten: unbewusst, Erde, Material

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Abbildung 3: Dimensionen der Zuordnung

Details

Seiten
150
ISBN (ePUB)
9783991115229
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2022 (April)
Schlagworte
Walter Lindner Sandbilder Psychotherapie Symbolik psychologische Beratung Therapie ohne Sprache therapeutische Arbeit mit Kindern Coaching Integratives Sandspiel Sandkasten

Autor

  • Walter Lindner (Autor:in)

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Titel: Integratives Sandspiel